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Mother Hood e.V. – Robin(a) Hood der Elternschaft

Und wieder ist das Team von Kulmine gewachsen! Elli hat gerade ihr Studium beendet und wird sich demnächst noch ausführlich in einem eigenen Blogartikel vorstellen. Heute berichtet sie erstmal von ihrer ehrenamtlichen Arbeit bei Mother Hood e.V. und erklärt, welches wichtige Anliegen dieser Verein vertritt: Mut, Aktivismus und Wissen für eine sichere und selbstbestimmte Geburt!

„Ich habe in der 10. Schwangerschaftswoche 25 Hebammen angerufen und trotzdem keine für die Begleitung nach der Geburt meines ersten Kindes gefunden.“

„Meine Hebamme ist krank geworden. Sie hat keine Vertretung, weil sie die einzige im Umkreis von vielen Kilometern ist, die Hausgeburten begleitet. Wir sind also ins Krankenhaus gefahren, obwohl ich mich dort so unwohl fühle.“

 „Ich bin mit Wehen zum Krankenhaus gefahren, in welchem ich mich in der Schwangerschaft schon angemeldet habe. Aber der Kreißsaal war voll. Ich musste in das 30 km weiter entfernte und mir unbekannte Krankenhaus fahren, obwohl ich starke Schmerzen hatte.“

„Ich würde mein Kind gerne in einem Geburtshaus zur Welt bringen. Aber das nächste ist 70 km entfernt. Ich habe Angst, dass ich die lange Fahrt dahin nicht schaffe.“

 „Niemand hat während der Geburt mit mir oder meinem Mann gesprochen. Ich wurde ohne Ankündigung vaginal untersucht, wurde an den Wehentropf gehängt und obwohl ich danach flehte, habe ich keine PDA bekommen.“

So oder so ähnlich erzählen (werdende) Eltern immer öfter in sozialen Netzwerken, in Zeitungsartikeln oder auch persönlich von ihren Erfahrungen während Schwangerschaft, Geburt und der Zeit danach. Menschen, die eigentlich in guter Hoffnung sein sollten, stehen vor den großen Problemen des deutschen Geburtshilfesystems. Menschen, die das gesetzlich verankerte Recht (SGB V, § 24d) haben, den Ort für die Geburt ihres Kindes selbst aussuchen zu können, sind nun abhängig von den verbleibenden Angeboten in ihrer Umgebung. Besonders mangelt es in vielen Regionen an freiberuflichen Hebammen, die ihre Begleitung in der Schwangerschaft und im Wochenbett anbieten. Sie sind immer öfter überlastet und ihre Geburtsvorbereitungskurse ausgebucht. Von Begleit-Beleghebammen und Hebammen, die Geburten im Hause der Eltern oder in Geburtshäusern begleiten, ganz zu Schweigen. Sie arbeiten nicht weniger oder hören nicht auf, weil sie keine Lust mehr haben, sondern…

  • weil die Haftpflichtprämien ins unermessliche steigen: 2009 waren es 2.370 Euro, bis 2019 ist sie auf 8.664 Euro im Jahr angestiegen.
  • weil ihre Leistungen zu gering vergütet werden.
  • weil durch die wenigen Kolleginnen selten Vertretungen in Urlaubs- oder Krankheitsfällen angeboten werden können.

Weitere Fragen, die sich werdende Eltern heute stellen müssen, sind zum Beispiel: Gibt es Gynäklog* innen, die eine geteilte Vorsorge mit einer Hebamme akzeptieren und mich nicht sofort aus ihrer Praxis werfen, weil ich nur für die Ultraschalluntersuchungen zu ihnen komme? Gibt es einen Kreißsaal in der Nähe, der mit Begleit-Beleghebammen zusammenarbeitet, sodass ich eine vertraute Hebamme während der Geburt dabei haben kann? Welche Untersuchungen muss ich machen lassen? Welche kann ich ohne schlechtes Gewissen ablehnen?

Wer oder was ist Mother Hood e.V.?

Schwangerschaft und Geburt ist also nicht nur eine Zeit der Vorfreude, Spannung und Veränderung, sondern auch eine Zeit des Entscheidens. Und diese Entscheidungen müssen in einem System getroffen werden, das momentan an vielen Ecken und Enden hinkt. Vorgaben und Entscheidungen, wie die Versorgung rund um Schwangerschaft und Geburt aussieht, trafen bisher nur andere Berufsgruppen. Aber Eltern wollen mitreden und entscheiden, wie, wo und von wem sie begleitet werden.
Mit dem immer spürbarer werdenden Hebammenmangel und den vielzähligen Kreißsaalschließungen hatten sich zahlreiche Aktive deutschlandweit zu Aktionen, Demonstrationen, Petitionen und Abgeordnetentreffen zusammengetan.
Im März 2015 hat sich dann ein Verein geformt: >Mother Hood e.V. ist eine Elterninitiative, die sich regional, landes- und bundesweit dafür einsetzt, dass jeder Frau die Begleitung in Schwangerschaft und Wochenbett und die Geburt möglich ist, die sie sich wünscht und die sie braucht.
Es geht uns um sichere und selbstbestimmte Geburten für alle Frauen und dass sie dazu bestmöglich informiert sind. Wir wollen Frauen bestärken, ihre Selbstbestimmung einzufordern und ihr Vertrauen darin fördern, dass eine Geburt ein besonderes und schönes Erlebnis sein kann, aus dem sie dann selbst gestärkt hervorgehen können. Sie sind die Expertinnen für ihren Körper und ihr Baby.

Wer ist bei Mother Hood e.V. aktiv?

Man könnte meinen, das Motto des Vereins lautet „Eltern für Eltern“ und das passt auch. Denn zu einem überwiegenden Teil sind im Verein Mütter ehrenamtlich aktiv, die selbst entweder positive Geburtserfahrungen gemacht haben und diese jeder Gebärenden wünschen oder sie haben schlechte Erfahrungen gemacht, die sie so nicht für sich und nicht für andere hinnehmen möchten. Auch einige Väter sind aktiv. Denn sie sind oftmals ebenso entsetzt darüber, wie mit Schwangeren und Müttern in dieser Zeit umgegangen wird und vor welche Hürden sie als sich formende Familie gestellt werden.

Aber eine eigene Geburtserfahrung ist keine Voraussetzung für die aktive Mitgliedschaft bei Mother Hood e.V. Ich zum Beispiel bin noch keine Mutter. Und wen, wenn nicht die zukünftigen Mütter und Kinder betrifft diese Problematik mehr? Im Verein arbeitet also eine bunte Mischung von Menschen, denen es wichtig ist, dass (werdende) Eltern für sich sprechen. Denn eine Geburtshilfe, die sicher ist, die MutterBaby im Fokus hat, wertschätzt und den Kindern den bestmöglichen Start ins Leben ermöglicht, ist nicht nur für die Gebärende wichtig. Sie ist wichtig für unsere gesamte Gesellschaft. Denn wie Michel Odent so richtig sagte: „Es ist nicht egal wie wir geboren werden.“ – und auch nicht wie wir gebären.

Wie setzt sich Mother Hood e.V. für eine gute Geburtskultur ein?

Die ehrenamtlichen Aktiven sind auf vielerlei Ebenen tätig. In Regionalgruppen organisieren wir Veranstaltungen, die aufklären sollen, mit denen wir für unseren Verein werben und wir im persönlichen Kontakt über Erfahrungen, Wünsche und Forderungen sprechen können. Unser Verein hat zum Beispiel eine große Zahl der Kinovorstellungen des Dokumentarfilms „Die sichere Geburt“ von Carola Hauck organisiert, zu welchem es auf dem Kulmine-Blog auch schon >einen wunderbaren Artikel gibt. Ebenso gab es Erzählcafés, Infostände und Demonstrationen.
Aufklären und informieren möchten wir auch im Internet. Über unsere Website, Facebook und Instagram veröffentlichen wir Stellungnahmen zu aktuellen Geschehnissen, neuen Gesetzgebungen oder teilen mit euch Informationen, wie >die Kaiserschnittraten jeder Klinik in Deutschland.
Darüber hinaus ist uns Vernetzung besonders wichtig, denn gemeinsam sind wir stärker. Mit den betreffenden Berufsgruppen und anderen Initiativen und Vereinen sind wir in engem Kontakt und sind in Bündnissen aktiv (>hier findet ihr eine Übersicht unserer Arbeit). So unterstützen wir jedes Jahr die >Roses Revolution. Eine Bewegung, die auf Gewalt unter der Geburt aufmerksam macht und Frauen die Möglichkeit gibt, mit dem Niederlegen einer rosafarbenen Rose vor der Tür, hinter welcher ihnen Gewalt widerfahren ist, eine heilsames und vielleicht abschließendes Zeichen zu setzen und das Schweigen zu diesem Tabuthema zu brechen.
Wir verstehen uns außerdem als politische Lobby der Eltern. Wir sprechen auf jeder Regierungsebene mit Politiker* innen und haben ihnen >unseren 10-Punkte-Plan für eine sichere Geburtshilfe vorgelegt. Wir schaffen es so, dass in der Debatte um die Situation der Geburtshilfe in Deutschland nicht nur über uns, sondern vor allem mit uns gesprochen wird. Dazu ist eine unserer Vorständinnen, Franziska Kliemt, akkreditierte Patientinnenvertreterin im Gemeinsamen Bundesausschuss (der sog. G-BA ist das höchste Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen und legt Richtlinien zur Versorgung fest) und hat zuletzt im Bundestag als Sachverständige bei der Anhörung zum Hebammenreformgesetz (HebRefG) gesprochen.

Wie kann Mother Hood e.V. unterstützt werden?

Die größte Unterstützung ist für uns natürlich die aktive Mitarbeit. Menschen, die sich berufen fühlen, in ihrer Region, bundesweit oder online mitzuarbeiten, sind immer willkommen. Dabei immer mit ihren individuellen Fähigkeiten und Ressourcen. Wir haben unter anderem Grafikdesignerinnen unter uns, die unsere Flyer und anderes Material gestalten. Oder Juristinnen, die uns zu rechtlichen Themen beraten und Wissenschaftlerinnen, die mit uns Studien erarbeiten und unsere Forderungen wissenschaftlich untermauern. Oder vielleicht bist du motiviert, an Infoständen zu stehen und Menschen über unseren Verein zu informieren, Geschichten zu hören und mit deinem Wissen zu helfen? Bei uns wird jedes Engagement gebraucht! >Hier kannst du sehen, in welchen Regionen wir bereits in Gruppen aktiv sind.
Wenn du nur wenig Zeit übrig hast, aber dennoch etwas tun möchtest, ist eine >Vereinsmitgliedschaft vielleicht das richtige und für uns momentan besonders wichtig. Je höher unsere Mitgliederzahl, desto gewichtiger wird unsere Stimme in der Öffentlichkeit und Politik. Dafür musst du nicht unbedingt aktiv mitarbeiten und kannst mit einem Beitrag ab 25 Euro im Jahr dabei sein. Diesen Beitrag kannst du von der Steuer genauso absetzen, wie >einmalige Spenden. Wir sind ein gemeinnütziger Verein und sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen, um unsere Arbeit und unsere Kampagnen ausbauen zu können.
Der leichteste Weg Mother Hood e.V. den Rücken zu stärken, ist aber das Sprechen. Erzählt von uns, teilt unsere Beiträge in den sozialen Medien und erwähnt uns, wenn es um das Thema Schwangerschaft und Geburtshilfe geht.

Elli an einem Infostand.
Foto: Florent Jalon

Mir selbst macht die Vereinsarbeit unheimlich viel Spaß und sie fängt mich auf, in Zeiten, in denen ich wütend, ängstlich oder frustriert über die aktuelle Situation bin. Diese Energie kann ich dann in Projekte, Gespräche und Aktionen umwandeln, die hoffentlich eine Veränderung im kleinen oder großen Rahmen bewirken. Der Austausch mit meinen Vereinskolleg* innen, unser Fortschritt als Verein und unsere Erfolge motivieren mich seit mehr als zwei Jahren dazu, es lauter und lauter heraus zurufen: Selbstbestimmte Geburten sind ein Menschenrecht!


Neben dem schon genannten Bericht zum Film >“Die sichere Geburt”, findest du auf dem Blog noch vielzählige >andere Beiträge zur selbstbestimmten Geburt!

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