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Die sanfte Auflösung des Blut-Tabus

Wer der Meinung ist, es gäbe kein Blut-Tabu rund um die Menstruation mehr, braucht nur bei Twitter die Reaktionen zu lesen, die Tweets über Menstruationstassen, PMS und Blutungen auslösen. Schon wird deutlich: Ein freier und normaler Austausch über die Menstruation ist noch lange nicht überall möglich. Deswegen besteht ein großer Teil der Arbeit von Kulmine in der Auflösung dieses Tabus.

Je nach Kultur und individueller Situation hat das Blut-Tabu ganz unterschiedliche Ausprägungen. So mag es in manchen Familien normal gewesen sein, dass die Menstruationsprodukte offen herum stehen – in anderen werden sie versteckt.
Wenn in den Sozialen Medien über das Blut-Tabu gesprochen wird, findet man oft die Phrase, dass dieses Tabu “gebrochen” werden müsse.
Seit Petra und ich im Rahmen des Menstruationstages vor einigen Jahren über genau diesen Ausdruck gesprochen haben, sehe ich ihn mit anderen Augen. Es liegt fast etwas gewalttätiges darin.

Die ein oder der andere wird nun einwerfen, dass es doch wichtig ist, dass dieses Tabu eines Tages nicht mehr als Last auf der Menstruation liegt. Auf jeden Fall ist das so!
Doch kann diese Arbeit Erfolg haben, indem etwas gebrochen wird? Das Ziel ist ein freier Umgang mit Menstruation, mit freiem Austausch und der einfache Zugang zu dem Wissen über alle Vorgänge, die mit der Menstruation zu tun haben. Und genau das kann erreicht werden, ohne etwas zu “brechen” und es kann sehr gut sein, dass es langfristig gesehen erfolgreicher ist. Durch ein sanftes Auflösen des Tabus wird ermöglicht, dass man sich auf eine nicht zu heftig konfrontierende Art mit dem Thema auseinandersetzt, sieht, wo man selbst betroffen ist und dort mit der privaten Arbeit bei sich beginnt. Hat man bei sich selbst erfolgreich die Arbeit getan, kann man dann anfangen, die gleiche sanfte Arbeit in der privaten Umgebung zu tun. Dieser Artikel mag dazu ein paar Ideen und Inspiration geben.
Das bedeutet, dass wir auch auf die Sprache achten, die wir in all unseren Texten nutzen. Über das Thema Menstruation positiv zu schreiben, ist für viele Menschen revolutionär und allein das schon konfrontierend genug.

Aber was kannst du im Kleinen für diese sanfte Auflösung machen?

Der erste Schritt kann eine Entdeckungsreise sein. Wo ist man selbst von dem Tabu betroffen – wie frei kann über Menstruation gesprochen werden? Wem gegenüber ist das möglich und wo entsteht ein Gefühl von Hemmung? Dabei geht es nicht darum, ausführlich über den Vorgang zu reden, sondern auch um Sätze wie: “Ich menstruiere heute und ich habe ein bisschen Bauchweh.” Statt: “Mir geht’s heute nicht so gut.”
Es geht nicht darum, diesen Umstand schnell zu ändern, wenn man sich dazu eigentlich noch nicht bereit fühlt. Es geht darum, es für einen selbst anzuerkennen und zu gucken, was ein nächster Schritt sein könnte.

Einer dieser anderen möglichen Schritte hast du vielleicht schon umgesetzt. Ein Wechsel auf wiederverwendbare Produkte bringt Viele in Berührung mit dem eigenen Blut-Tabu. Wie schwierig war die Entscheidung für die alternativen Produkte? Welche (Vor-)Urteile tauchten in der Entscheidungszeit auf? Wie fühlte es sich an, ein ganz neues Produkt zu benutzen, mit dem es (wahrscheinlich) zu mehr Kontakt zum Menstruationsblut kommen würde?
Was löst es aus, dass das Blut mit dem Produkt nicht mehr weggeworfen wird, sondern man es auswäscht und wieder verwendet? Was löst es aus, wenn positive Seiten der neuen Produkte entdeckt werden können?

Der nächste Punkt dreht sich um ein mächtiges Werkzeug: Unsere Sprache.
Wenn du dich dazu bereit fühlst, rede über die Menstruation.
Wenn dabei das Wort Menstruation oder Blutung genutzt wird, statt umschreibende und undeutliche Namen wie “die Tage ”, ist auch das Arbeit für die sanfte Auflösung des Blut-Tabus. Denn die Deutlichkeit, die dadurch entsteht, hat eine Kraft, die größer ist, als man im ersten Moment denkt! Sprich über Menstruation als der normale Vorgang, der sie ist – für Fortgeschrittene geht das auch mit anderen als (näherstehende) Frauen.

Die letzte Idee ist, menstruations-freundliche Handlungen zu initiieren, wenn dir auffällt, dass es nötig ist.
Gibt es eine Toilette, in der es hilfreich ist, Menstruationsprodukte frei verfügbar zu machen? Arbeitest du mit Jugendlichen, die Informationen zu den biologischen Vorgängen rund um die Menstruation oder Schmerzmanagment brauchen?
Können Menstruationskalender in der Wohngemeinschaft oder der Familie so angebracht werden, so dass die anderen wissen, an welchem Tag des Zyklus man sich befindet?
Kann es an der Arbeitsstelle Wärmflaschen für die Allgemeinheit geben?
Zusätzlich oder falls das nicht möglich ist: Ein warmes Tuch für die Hüften ist auch hilfreich und einfach für alle zugänglich.

Und was ist mit den Kommentaren im Netz, die eingangs erwähnt wurden? Man könnte meinen, dass es sinnvoll ist, hier zu schreiben, zu argumentieren, zu erklären…
All das machen wir bei Kulmine nicht. Auf Kommentare gehen wir ein, wenn sie ernsthafte Fragen enthalten und von der Grundausrichtung positiv sind.

Fallen dir andere Ideen ein, wie eine sanfte Auflösung des Blut-Tabus im privaten Bereich möglich ist? Wir freuen uns sehr über Kommentare!


Beitragsbild von Mela Kühnlein.

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