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Selbstbestimmung unter der Geburt – es beginnt mit der Sprache 


Mit einem Vorwort von Petra:

Vor einiger Zeit habe ich in einem Forum die Worte einer Hebamme entdeckt, die die Bedeutung von Sprache rund um das Thema Geburt betont hat. Mit diesem kurzen Artikel möchte ich das aufgreifen und zu einer Serie zu diesem Thema einladen:
 Wie unsere Wahrnehmung der Welt – und in diesem Fall unsere Wahrnehmung der Geburt – durch Wortwahl beeinflusst werden kann. Ich freue mich über Artikel und Kommentare von unseren Leserinnen.

Als Synonym zu „gebären“ wird oft „entbinden“ verwendet. An diesem Wort stört mich, dass „entbinden“ auf zwei verschiedene Arten gebraucht werden kann:

  1. Ich entbinde in zwei Monaten mein drittes Kind.
  2. Sie wurde von einem gesunden Sohn entbunden.

Die Frau wird hier gewissermaßen in den Hintergrund gerückt – im zweiten Beispiel ist sie nur passiv dabei, wie andere ihr Kind auf die Welt bringen. Außerdem schwingt hier etwas von „von einer Last oder einer Pflicht entbunden werden“ mit – das fördert sicherlich nicht gerade eine positive Wahrnehmung des Gebursvorgangs.
Die Hebamme, die ich zu Anfang erwähnt habe, schreibt dazu: : „Frauen wird während der Geburt viel zu oft ihre Entscheidungsfähigkeit abgesprochen, weil das Personal mit solchen Formulierungen direkt auf eine andere, hierarchisch höhere Position gesetzt wird. Daher: Du wirst dein Kind gebären. Aktiv. Die Hebamme/die Ärztin wird dich unterstützen, dir helfen. Aber du wirst diejenige sein, die diese unfassbare Leistung erbringt.“

Ein weiteres Beispiel für solche negativen Worte ist „Nachsorge“.
Wieder die Hebamme: „Es lässt uns sofort an die Untersuchungen und Maßnahmen nach einem Unfall oder einer Verletzung denken – in diesem Kontext hat eine Geburt meiner Meinung nach nichts zu suchen. Viel schöner finde ich deshalb die traditionelle Bezeichnung ,Wochenbett‘. Hier wird klar, dass die Wochen nach der Geburt eine besondere Zeit sind, in der die Frau sich erholt und umsorgt und bestätigt werden sollte.“

Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, wie wir uns dem Thema Geburt annähern. Sprachlich, aber auch was die Bilder in unserem Kopf betrifft. Wie können wir einen positiven Zugang zum Thema Mutterschaft/Geburt finden, uns frei machen von antiquierten Konventionen? Was bedeutet selbstbestimmte Geburt, welche Rolle spielt ein respektvoller verbaler Umgang mit der Gebärenden? Warum ist verbale Gewalt unter der Geburt heutzutage immer noch gang und gäbe und wie können wir uns schützen?

Der folgende Beitrag von Alba beschäftigt sich damit, wie unser heutiges Bild von der Geburt entstanden ist und wie wir uns einen neuen Zugang zu dem Thema erarbeiten können.

 


 

Bilder im Kopf – woran denken wir, wenn es um die Geburt geht?

Wer kennt es nicht, im Spielfilm wird eine Klinikgeburt gezeigt – die Gebärende liegt auf dem Rücken, die Beine in seitlichen Stützen befestigt, und bekommt Anweisungen vom Klinikpersonal, was sie zu tun hat (und zwar mächtig pressen, während die Luft angehalten wird). Am Ende hält eine Hebamme, ein Arzt oder eine Ärztin das Kind stolz hoch und verkündet, „es ist ein Mädchen/Junge!“. Der besorgte Vater, der selbstverständlich immer am Kopfende steht, blickt erleichtert, während die frisch gebackene Mutter ein paar Tränen verdrückt. Schnell wird abgenabelt und das Kind untersucht (mit viel Glück darf es erst einmal auf den Bauch der Mutter).
Was wird in diesem Szenario für ein Bild transportiert?

  1. Geburt ist nicht etwa ein natürliches Programm, das ohne Hilfe von außen abläuft, sondern bedarf einer intensiven medizinischen Überwachung.
  2. Die Gebärende weiß von alleine nicht, was sie zu tun hat, das müssen ihr schon die anwesenden Geburtshelfer*innen sagen.
  3. Andere Gebärpositionen als die Rückenlage bzw. Steinschnittlage kommen so gut wie nie vor.
  4. Der Vater hat die Rolle des passiven Beobachters, der maximal die Hand seiner Partnerin drückt.

Woher kommt dieses Konzept einer Geburt? Sind Geburten etwa „früher“ immer so abgelaufen? Muss ja, oder, wo doch Gebären aus unterschiedlichen Körperpositionen wie beispielsweise in der Hocke als eine Errungenschaft der neueren Zeit gilt? Sind wir nicht gerade erst dabei, eine neue Geburtskultur zu entwickeln, eine Kultur, in der beispielsweise eine Doula die Gebärende begleitet?

Ein Blick zurück in die frühe Neuzeit.

Die Kulturanthropologin Eva Labouvie beschreibt in ihrem Buch „Andere Umstände“, wie im 16. und 17. Jahrhundert in ländlichen Regionen Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett erlebt wurden. Anhand historischer Quellen zeichnet die Autorin ein sehr plastisches Bild über die Gepflogenheiten rund um die Geburt.
Der Leser entnimmt dem Buch, dass Gebären damals fest in den Händen von Frauen lag. Die werdende Mutter wurde ab dem Moment, wo sie regelmäßige Wehen hatte, von einer Gruppe Frauen aus dem Dorf umsorgt und von der Außenwelt abgeschirmt. Der werdende Vater war in der Regel nicht anwesend, dafür aber eine Hebamme; Ärzte bzw. Chirurgen wurden nur in der allergrößten Not hinzu gezogen. Die Gruppe anwesender Frauen bestand überwiegend aus Frauen, die selbst bereits Kinder zur Welt gebracht hatten, es durften aber auch junge, frisch verheiratete Frauen ohne Kinder dabei sein. Während der Wehen ruhte sich die Gebärende zwar immer wieder mal auf einem Bett oder Strohlager aus, aber wenn es an die Geburt als solche ging, geschah diese im Stehen, in der Hocke oder im Sitzen (für die Geburt im Sitzen gab es sogar spezielle Möbel). Es wurde als selbstverständlich angesehen, dass die Wehenarbeit sich auch mal über mehrere Tage erstrecken kann, noch gab es kein festes Konzept über den zeitlichen Ablauf einer Geburt. Zur Erleichterung der Geburtsschmerzen wurden Hausmittel wie gewürzter Wein verabreicht, es galt aber als wichtig, „gute und starke Wehen“ zu haben – eine Geburt ganz ohne Schmerzen galt als unnatürlich. Die Wehen sollten Auskunft über den Fortschritt der Geburt geben, eine vaginale Untersuchung gab es nur im Notfall.
Nach der Geburt war es üblich, dass die Wöchnerin für eine gewisse Zeit das Haus nicht verlassen durfte, kirchliche und weltliche Gesetze regelten die Wochenbettzeit (in der Regel dauerte das Kindbett sechs Wochen).
Auch wenn niemand von uns zurück in die frühe Neuzeit oder das Mittelalter möchte (die Mütter- und Säuglingssterblichkeit war hoch, auf viele Komplikationen hatte man keine zufriedenstellende Antwort), fällt doch auf, dass die Gebärkultur eine andere war als die, welche heutzutage in den Köpfen vieler Menschen verankert ist.

Woher kommt dann das zu Beginn des Artikels beschrieben Bild von Geburt?

Dazu müssen wir in das 18. Jahrhundert gehen, als die Geburtshilfe immer mehr in die Hand männlicher Ärzte überging. Es wurden die ersten Geburtskliniken gegründet; in den Kliniken konnte beispielsweise die Geburtszange eingesetzt werden (erfunden 1723), darüber hinaus gelang es Geburtshelfern, einen Kaiserschnitt so durchzuführen, dass Mutter und Kind überlebten. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Geburtshilfe als Wissenschaft an den Universitäten etabliert und somitwaren die Experten alle männlichen Geschlechts; Hebammen wurden immer mehr im Umfang ihrer Tätigkeiten beschränkt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts schließlich war die Hausgeburt nur noch eine Ausnahme und das Gebären fand vermehrt in Kliniken statt.
Im Zuge der Verlagerung des Gebärens in die Kliniken wurde die Geburt aus der Rücken- oder Steinschnittlage der Standard, ermöglichte diese Position schließlich den Geburtshelfern den optimalen Zugriff auf den Körper der Frau. Aus der aktiven Geburt wurde die Entbindung, bei der ein Arzt das Kind „auf die Welt brachte“. Der natürliche Prozess der Geburt sollte „optimiert“ werden, sei es durch Maßnahmen zur Beschleunigung oder durch Narkotika. Hebammen spielten zwar weiterhin eine wichtige Rolle in den Geburtskliniken, dennoch kann man mit Sicherheit sagen, dass der männlich-medizinische Blick auf die Geburt viele Weisheiten aus vergangenen Zeiten in Vergessenheit geraten ließen.

Was können wir lernen, wenn wir unseren Blick auf die Geburt erweitern und nicht mehr nur die Gepflogenheiten der letzten 200 Jahre vor Augen haben?

Können wir Geburt wieder mehr als aktiven, natürlichen Prozess begreifen und nicht als eine medizinische Notlage? Welche Rolle spielen dabei die Väter, wie können sie den Prozess der Geburt aktiv begleiten? Wie können Hebammen und Doulas in ihrer Tätigkeit gestärkt werden?

Es geht nicht darum, ein romantisches Bild der Geburt zu entwerfen, welches ausblendet, dass es bei einer Geburt in der Tat zu medizinischen Notfällen kommen kann. Es geht auch nicht darum, Frauen abzusprechen, dass sie die Geburt ihrer Kinder als traumatisch erlebt haben. Stattdessen steckt hinter den geschilderten Überlegungen der Wunsch, Frauen (und natürlich auch Männern) einen positiven Zugang zum Thema Geburt zu ermöglichen. Ein realistischer Blick, der bei allem Wissen um potenzielle Komplikationen die Frau mit ihrem Tun und Erleben in den Mittelpunkt stellt.

Eine wichtige Rolle spielt die Sprache – wie reden wir über Geburt? Reden wir vom „entbunden werden“ oder vom Gebären? Wird ein Kind per Kaiserschnitt geboren oder von den Ärzten „geholt“? Wir sollten eine Sprache verwenden, welche die Gebärende mit ihrem Erleben und Handeln in den Mittelpunkt stellt.
Darüber hinaus kann ich jeder Frau empfehlen, sich mit ansprechender Geburtsfotografie und Videos schöner Geburten zu befassen. Selbst wenn es sich nicht jede Frau vorstellen kann, eine Hausgeburt zu erleben (und es oft leider auch an organisatorischen oder medizinischen Hürden scheitert), ist es doch sehr lehrreich zu sehen, wie eine außerklinische Geburt ablaufen kann.

Schlussendlich gibt es einige Bücher zum Thema Geburt, die dazu beitragen können, ein umfassendes Bild zu entwickeln.
Das wären beispielsweise

  • Ina May Gaskin: Die selbstbestimmte Geburt
  • Nora Imlau: Das Geburtsbuch
  • Marie F. Mongan: Hypnobirthing
  • Sarah Schmid: Alleingeburt
  • Alfred Rockenschaub: Gebären ohne Aberglauben
  • Michel Odent: Geburt und Stillen

Um den Gynäkologen und Autoren Michel Odent zu zitieren: „Es ist nicht egal, wie wir geboren werden“ – diesen Ausspruch möchte ich gerne ein wenig abwandeln: „Es ist nicht egal, welches Bild wir von der Geburt haben“. Eine gute Geburtskultur beginnt in den Köpfen der beteiligten Menschen, hier können wir ansetzen.

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