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Was Katzenkörbchen mit der Menstruation zu tun haben

Wenn man das Bluttabu für sich selbst noch nicht gelöst hat, kann es peinlich sein, über die Menstruation zu sprechen. Umschreibungen erlauben uns mit diesem Gefühl umzugehen – aber eigentlich verstärkt dieser Umgang das Tabu. Deswegen ist es aktive Arbeit am Auflösen des Bluttabus, die Menstruation beim (positiv belegten) Namen zu nennen. 

Ein Codewort

Nachdem in meiner Gruppe von Freundinnen die meisten ihre Menarche hatten, erfanden wir ein Codewort, um über Binden und Tampons zu sprechen. So wollten wir verhindern, dass Klassenkamerad:innen verstehen konnten, worum es ging. Binden wurden zu Katzenkörbchen und Tampons zu Stöpsel. (Leider weiß ich nicht mehr, was uns dazu gebracht hat, Binden ausgerechnet als Katzenkörbchen zu bezeichnen. Ich weiß auch nicht, ob uns klar war, wie WENIG unauffällig es ist, wenn man jemanden fragt, ob sie einem ein Katzenkörbchen geben können. :D)

Ich habe keine Erinnerung daran, dass wir ein Wort für die Blutung erfanden. Vermutlich war es nicht nötig, denn über die Blutung selbst wurde nicht gesprochen. Thema war sie nur, wenn man vergessen hatte, Produkte mitzunehmen und eben jemand anderen um Stöpsel oder Katzenkörbchen bat. 

Eine kleine Revolution

Am Ende zettelte ich mit genau diesen Freundinnen eine kleine Revolution an. Denn die Toiletten, die in der Nähe unseres Klassenzimmers waren, hatten keine Mülleimer in den Kabinen und natürlich wollte niemand die benutzten Binden und Tampons zu dem Mülleimer im Vorraum bringen. Nachdem Anfragen im Sekretariat nichts gebracht hatten, sprachen wir eine Lehrerin direkt an und zeigten ihr, wo die Binden entsorgt wurden: Sie waren alle auf dem Rand der Toilettenkabinen abgelegt und wir hatten einige der Päckchen der Anschaulichkeit wegen herunter geschubst. Ein paar Tage später hatten wir endlich in jeder Kabine einen Mülleimer.

Im Sportunterricht

Und dann war da der Anfang eines neuen Schuljahres – vielleicht das sechste? Der Sportlehrer nahm alle Mädchen zur Seite und sprach darüber, dass wir selbst entscheiden, ob wir mitmachen oder nicht, wenn wir unsere Menstruation haben. Er sagte nicht Menstruation. Er umschrieb das Thema auf eine Weise, dass wir alle wussten, worum es ging – ganz ohne, dass er das Thema beim Namen nannte. Wir gucken uns an und kicherten verschämt. Auch mir war es peinlich. So peinlich, dass ich mich kein einziges Mal während Blutungen vom Sportunterricht abmeldete – und das, obwohl ich Sport nicht mochte. Auch beim Schwimmen meldete ich mich nur selten ab, obwohl ich beim Schwimmen Angst hatte, dass aus dem nassen Tampon Blut fließen würde. Es war mir unangenehm zu sagen, dass ich blutete und dazu war ich davon überzeugt, dass mir sowieso niemand glauben würde.

Auf eine Weise war das Thema Menstruation also die ganze Schulzeit präsent – da hatte die eine Schülerin eine durchgeblutete Hose, die andere brauchte Produkte, wieder eine andere nahm nicht am Sportunterricht teil. Und doch konnten wir nicht offen über das Thema reden und brauchten Codewörter, um über Mensprodukte zu sprechen. 

Begriffe in meiner Familie

Meine Großmutter nennt die Menstruation bis heute „die Flüche“ bzw. „the courses“ (sie ist Engländerin) und ist damit für ihre und frühere Generation sicher nicht alleine. Meine Mutter sprach von „Menses“ oder „den Tagen“, was immer noch häufig genutzt wird in Deutschland. Es ist sicherlich der unbestimmteste Name, bei dem besonders unklar ist, worum es eigentlich geht – was vielleicht auch seine Popularität erklärt. Es ist auch der Begriff, den ich am häufigsten in einem negativen und herabsetzenden Kontext gehört habe. „Die hat bestimmt ihre Tage.“ oder „Hast du deine Tage?“ wurde dann gerne mal gesagt, als Reaktion auf emotionales Verhalten von mir oder Freundinnen. 

Interessant ist, dass ich schon lange bevorzugt die Begriffe Blutung, Menstruation und Mens benutze. In Beratungen und Gesprächen, in denen ich nicht darauf achte, nutze ich aber trotzdem (selten) mal das Wort „Regel“. Regel oder Regelblutung sind natürlich weitere Begriffe, die etwas suggerieren, was nicht so ist: Ja, die Blutung kann regelmäßig kommen, aber anders als viele denken, ist es nicht schlimm und für viele normal, wenn sie unregelmäßig kommt.

Ein Vergleich zur englische Sprache

Im Vergleich der deutschen und englischen Namen zeigt sich, dass in beiden Sprachen ähnliche Gedanken beim Entstehen der Umschreibungen präsent sind. Da geht es z.B. um Tanten: Auf Deutsch kommt die „Tante Rosa“ oder auch „Tante Rot“ zu Besuch und auf Englisch „Aunt Flo“ – was gleichzeitig ein Wortspiel ist, denn flow ist auch das Verb „fließen“, was ich tatsächlich für ein sehr schönes Wort für Menstruation halte. 

Periode klingt auf Deutsch für mich hart – „period“ englisch ausgesprochen hat für mich hingegen etwas Weiches. Ganz unabhängig davon finde ich diesen Begriff aber unpassend, weil er festlegt, dass die Mens periodisch / regelmäßig kommt und dazu eigentlich wenig aussagt. Eine Periode ist letztlich einfach eine Zeiteinheit. 

Andere englische Begriffe sind „Hai-Woche / Shark Week“, „Purpur Welle / Crimson Wave“ oder auch einfach „That time of the month“ also „Diese Zeit des Monats“. Auch diese Begriffe passen nicht wirklich, sondern umschreiben wieder nur – und sind zum Teil negativ belegt.

Menstruation, Mens, Menses

Wikipedia erklärt die Bedeutung des Begriffs Menstruation so: „Das Wort leitet sich von lateinisch menstruus ‚monatlich‘ zu lat. mensis ‚Monat‘ ab, da der Menstruationszyklus beim Menschen ungefähr 27 Tage[1] und der Mondmonat ungefähr 28 Tage dauert. Synonyme sind Regel, Mens, Tage oder Menorrhö (von altgriechisch μήν  ‚Monat‘ und ῥέω  ‚ich fließe‘; medizinisch veraltet auch Monatsfluss).“

https://de.wikipedia.org/wiki/Menstruation

Ganz kritisch betrachtet sind die lateinischen Begriffe „Menstruation“ und Menses auch nicht korrekt. Beide stellen den Bezug zu Monat / monatlich her und haben damit den gleichen Fehler in sich: Die Menstruation muss nicht unbedingt einmal im Monat kommen! Trotzdem ermöglichen sie die Nutzung eines neutralen und klangvollen Begriffs und sind deswegen neben dem Wort Blutung für mich die am meisten genutzte Variante.

Spannend ist, dass in dem griechischen Begriff auch das Wort „fließen“ steckt – wer weiß, vielleicht ist nicht der Monat die Inspiration für das Wort Menstruation gewesen, sondern die Blutung selbst wurde Namensgeberin von „Monat“.

Namen aus den Tiefen des Internets

Das Unternehmen Clue (eine App zum Dokumentieren deines Zyklus) hat vor einigen Jahren eine große Umfrage zu Namen für die Menstruation gemacht und dabei über 5000 Umschreibungen aus über 190 Ländern gesammelt. In dem dazugehörigen Artikel kann eine Auswahl den verschiedenen Ländern gelesen werden: https://helloclue.com/articles/culture/top-euphemisms-for-period-by-language

Für Deutschland werden in dem Artikel folgende Begriffe als häufig angegeben: 

  • Erdbeerwoche  
  • Rote Tante
  • Rote Armee 
  • Erdbeertage
  • Rote Welle
  • Rote Woche
  • Besuch der roten Tante
  • Mens
  • Auf der roten Welle surfen
  • Emma  
  • Alarmstufe Rot
  • Die rote Pest
  • Besuch von Tante Rosa 
  • Besuch aus Rotenburg 
  • Ins rote Meer stechen
  • Tomatensaft 

Verschleierung oder Hilfe?

Aber sind Codewörter, ob für Mensprodukte oder die Blutung, tatsächlich nur negativ zu sehen? Auf eine Weise können sie auch eine wichtige Funktion haben und ein besonderes Gefühl von Gemeinschaft ermöglichen. Das mag auch die schier unüberschaubare Vielfalt von Namen und Umschreibung für die Menstruation erklären. Und wenn man zum Beispiel sorgfältig in der großen Sammlung von Clue liest, finden sich auch positive Namen und wirklich witzige Umschreibungen – insbesondere bei den französischen Umschreibungen. 

Dinge bei ihrem Namen zu nennen ist ein wichtiger Beitrag zur sanften Auflösung des Bluttabus, aber noch viel wichtiger ist es, ein zu Wort finden, mit dem man sich wirklich wohlfühlt. Und ich finde, der Wohlklang eines Wortes sollte in der Auswahl der genutzten Begriffe unbedingt mit einfließen. Nun werden viele sagen, dass sie sich aber wohlfühlen mit dem Wort Periode oder Regel oder Tage und das doch ganz ok klingt – aber manchmal merkt man gar nicht, wie die Urteile und negativen Aspekte mitschwingen. 

So ging es mir damals mit Vulvina (Mischung Vulva und Vagina) – erst als ich dieses Wort entdeckte, merkte ich, wie unzufrieden ich mit den vorhandenen Worten war. Vielleicht hast du einen ähnlichen Moment, wenn du anfängst Menstruation, Blutung oder Menses zu sagen – oder auch Mens. Und auch wenn es für dich keinen Unterschied macht, für jemand anderen, der / die dir zuhört, mag es ein wichtiger Moment auf dem Weg zur Auflösung des Bluttabus sein.

Die deutliche Benennung der Blutung wird auf vielen Ebenen eine Wirkung haben – denn Sprache ist mächtig. 

Nutzt du besondere Namen für die Menstruation, die nur du und eine spezielle Gruppe von Menschen versteht? Haben sich deine Bezeichnungen mit der Zeit geändert? Hattest du auch ein Codewort während der Schulzeit? Wann hast du das letzte Mal über die Menstruation gesprochen? Kommentiere gerne unter diesem Blogbeitrag!

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