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6) Schokolade in Schuhen – Über das Staunen

Wer Kinder hat oder sich selbst noch an seine Nikolauserlebnisse hineinfühlen kann, der sieht es vielleicht vor sich: Große Augen, die vom Staunen sprechen. Gerade eben noch standen die Stiefel an ihrem alltäglichen Platz. Mit Dreck vom Kinderspielplatz an den Sohlen und ein wenig ausgelatscht. Und am nächsten Morgen das Wundersame: Schokolade und andere Leckereien finden sich darin! Die Stiefel sind jetzt von einem Glanz umgeben, der von den darin versteckten Sachen, aber noch mehr von der geheimnisvollen Transformation herrührt und uns mit Ehrfurcht erfüllt. 
Folgen wir der Erlebniswelt von Kindern und dem Gefühl des Staunens, stoßen wir auf eine Liebe zu all den Dingen, die da sind. Dann treten wir heraus aus der Gewohnheit, dem Weiß-ich-doch und dem alles-schon-gesehn, dem gelenkten Blick. Mit Liebe wird das hinter dem Wissen liegende Wunder lebendig. Fakten sind keine Erklärung, sondern versuchen eine Annäherung, das Wesen der Dinge aber bleibt un(be)greifbar.

Das Geheimnis der Blumen
Eine Blume kann durch so viele Disziplinen betrachtet werden. Die Chemiker* innen analysieren den Duft, die Botanikerinnen verweisen auf die Herkunft, die Biolog innen wissen um den Stoffwechsel, andere genießen die Zartheit der Blätter.
Die Medizin erforscht das Wechselspiel der Wirkstoffe, poetische Menschen beschreiben sie in Worten, Musiker* innen versuchen das in Tönen, die Maler* innen mit dem Einfangen der flirrenden Farben. Auch die Bienen und andere Tiere haben ihren eigenen Blick auf die Blume, sehen andere Farben oder ihre Nahrungsquelle. So bleibt die Blume ein schillerndes Rätsel, das nicht erfasst werden kann. Beschreibungen von Betrachtungen lassen immer Raum für das, was noch da ist.

Über das Wunder
Die Liebe erscheint als eine der Formen, die wirklich in Beziehung mit der Blume tritt. Zusammen mit den genannten Disziplinen zeigt sich dann … das Wunder. Es lässt uns staunen. Egal, welchen Blickwinkel wir dann nutzen, durch ihn können neue Facetten an der Blume entdeckt werden. Gebe ich mich mit einer Facette zufrieden, bleibt die Blume eindimensional und worüber kann man dann noch staunen?
Staunen verbreitet sich überall da, wo sich unser Blickwinkel verändert und weiter wird. Entweder durch Außen, indem gewohnte Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden (wie bei Schokolade in Schuhen) oder über Innen, wenn wir uns nicht so schnell mit einer sich uns präsentierenden, gewohnten Realität zufrieden geben. Staunen ist überall da möglich, wo wir uns erlauben, eine größere Welt zu vermuten, diese in Liebe annehmen und die Begeisterung aufbringen, diese zu erforschen.
Und mögen wir als Kinder auch später herausfinden, dass es den Nikolaus nicht gibt und die Eltern die Stiefel mit Süßem füllen. Und mögen wir als Erwachsene einmal darüber lesen, woher dieser Brauch stammt. Und möge manch eine*r dann denken, dass damit Schokolade in Schuhen seinen Zauber verloren hat. Doch solche oder andere Rituale künden trotzdem von den uns immer umgebenden Wundern und schenken die Möglichkeit, uns ins Staunen zu versetzen.


Experimentierfeld
Wann hast du das letzte Mal gestaunt?
Erinnere dich genau an die Situation zurück. Kannst du das Gefühl wieder in dir wachrufen?
Eine große Welt passt nicht in einen kleinen Terminkalender und findet sich nicht in der Gewohnheit des Denkens und Tuns. Um dem Staunen Gelegenheiten zu bieten, schaffe einen Rahmen, in dem du dich treiben lassen kannst und nicht auf die Uhr schauen musst. Kinder lieben das und wenn du welche triffst, dann erlaube dir, ihrem Flow zu folgen.
Kannst du dich einem Menschen, Geschehnis oder Gegenstand mit einem anderen Blickwinkel, einer anderen Haltung und mit liebevoller Aufmerksamkeit widmen? Lade dich selbst zu neuen Erfahrungen ein.
Und wenn du etwas Neues entdeckt hast, teile dich mit, vielleicht staunt jemand mit dir gemeinsam – so oder so wird dadurch deine Erfahrung für dich intensiver.

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