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Mut zum Blut

Seit 1993 engagieren wir uns mit Kulmine dafür, das Tabu um die Menstruation und das Menstruationsblut sanft aufzulösen, mit unseren Angeboten dabei zu unterstützen, die Menstruation als etwas Natürliches anzunehmen: Für ein gutes Selbstwertgefühl, für eine positive Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und für mehr Akzeptanz des Themas in der Gesellschaft.

Das Tabu existiert noch immer

Das können wir z.B. auch an der Werbung gängiger Menstruationsartikel sehen: Häufig wird mit Worten wie Auslaufschutz oder auslaufsicher (leak proof) geworben. Das haben wir bei Kulmine nie getan, obwohl unsere Stoffbinden und -slipeinlagen so saugfähig sind wie die vergleichbaren Produkte. Und wir werden es auch nicht tun, weil mit der angepreisten Sicherheit letztendlich die Angst bestätigt und damit aufrechterhalten wird, als gebe es etwas, vor dem sich Menstruierende schützen müssten. Und wovor?

Wirklich vor dem Durchbluten?

Unserer jahrzehntelanger Erfahrung und unserem Wissen nach sind überhaupt nur wenige Menstruierende gefährdet durchzubluten, aber die meisten schützen sich, als wäre es bei ihnen der Fall. Tatsächlich gibt es einen Teil, der unfassbar viel blutet. Wir kennen Frauen, die für zwei Stunden eine unserer dicksten Binden, Schwamm, Cup und Menshose gleichzeitig nutzen müssen. Doch viel mehr Menstruierende leben mit einer Angst, die sich oft gar nicht oder einmal im Leben bewahrheitet.

Oder steht hinter der Angst vor der Sichtbarkeit von Blutflecken, z.B. in der Kleidung, nicht eher Scham und damit Angst vor Ausgrenzung?

Wenn es so schlimm ist, dass einmal Menstruationsblut sichtbar wird, dass sich davor geschützt werden muss, suggeriert das, es wäre etwas falsch daran zu bluten. Dabei sind Menarche, Menstruation und Menopause natürliche Vorgänge und gehören zum Leben ungefähr der Hälfte der Menschen dazu. 

Genauso natürlich ist der monatliche Zyklus, zu dem neben hormonellen Veränderungen oder Veränderungen in der Stimmung auch unweigerlich die Blutung gehört. Aus meiner Sicht sollten Mädchen von Anfang an gut informiert sein und vermittelt bekommen, dass sie ihren eigenen Zyklus als einen völlig normalen Prozess annehmen können. So kann sich Scham nicht fest- oder gar bis ins Erwachsenenalter fortsetzen.

Folgendes Buch kann ich hierzu von Herzen empfehlen: Nina Hanefeld „Lin und das Geheimnis des Zyklus“

Gegen Scham hilft zudem Offenheit. Der Zyklus beeinflusst nun einmal den Körper, das Erleben und die Gefühle. Wie viel schöner ist es, ihn nicht zu verstecken und zu verschweigen, sondern vielmehr als Gelegenheit zu sehen für Verbundenheit, Empathie und Solidarität: Gib Tipps weiter, wenn für dich ein Menstruationsprodukt (egal ob Stoffbinde, Menstruationstasse oder anderes) ein echter Game-Changer ist. Tausch dich mit Freund:innen über den Zyklus aus – im Gespräch oder über Social Media – und teile deine individuellen Erfahrungen. Sprich über und benenne die Menstruation als solche. Hab “Mut zum Blut”!

Meine persönlichen Erfahrungen

Doch wie kam ich dazu, diese Haltung durch meine Seminare und Kulmine ganz bewusst in die Welt zu tragen? Neben persönlichen Erfahrungen war es vor allem – beginnend mit meinem Studium Sozialwesen (Schwerpunkt “Gesundheit und kommunikative Sexualpädagogik”) – die professionelle Beschäftigung mit dem weiblichen Zyklus. 

Zuvor war der Zugang zur Mens jedoch ähnlich wie der vieler Mädchen weltweit. Mit 13 kam ich erstmals mit dem Thema in Berührung, als bei mir die Menarche einsetzte. Ich musste mich mit diesem Entwicklungsschritt ohne jegliche Begleitung auseinandersetzen. Die Abneigung gegen Menstruationsblut war in meiner Familie groß, trotz zweier Großmütter, Mutter und drei Töchtern. Und somit prägten zunächst die Spannung und das Verstecken meine Wahrnehmung der Menstruation. Es entstand eine Scham, wie sie viele Frauen und Mädchen kennen, aber auch Großväter, Väter und Brüder, ob sie es bewusst erleben oder nicht.

Dazu kamen bei mir oft starke Unterleibsschmerzen und später auch Schlechte-Laune-Attacken. Viele Jahre fühlte ich mich diesem negativen Grundgefühl vor und während der Blutung ausgeliefert, bis ich begann, mich mit Frauengesundheit zu beschäftigen. Dadurch rückte die Wertschätzung von Frau und Körper in meinen Fokus – aus einem großen „Nein“ wurde ein zartes „Ja“ zu mir, meinem Körper und der Menstruation. 

Bald darauf lernte ich Inger kennen, die sich besonders gut mit dem weiblichen Zyklus und als erfahrene Shiatsutherapeutin und Okido-Yoga-Lehrerin mit Körperarbeit auskannte. Zusammen mit Inger leitete ich Frauenworkshops, in denen es auf vielen verschiedenen Ebenen darum ging, dieses „Ja“ weiterzugeben. 

In einer dieser Veranstaltungen ging es konkret um das Thema „Angst vor dem Durchbluten“ im Alltag: als Teenie in der Schule, im Bus auf dem Heimweg von der Arbeit, als Referentin, bei Freizeitaktivitäten, in unzähligen Situationen. Erstmals tauschten wir uns mit den Teilnehmerinnen lange und im Detail darüber aus – für mich ein echtes Schlüsselerlebnis! Mir wurde bewusst, wie wichtig es ist, dass Frauen ihren Zyklus inklusive des Blutes annehmen. Dann kann in einer Situation, in der die Umgebung neutral mit dem Thema umgeht, „Durchbluten“ oder sichtbares Mensblut schlicht und einfach eine Tatsache sein. 

Dazu ist mir ein Erlebnis besonders in Erinnerung geblieben: Nach dem Schwimmen, auf dem Weg zur Dusche, begegnete ich am Beckenrand einer Schwimmerin, die auf dem Weg ins Wasser war. Ihr lief Blut an einem Bein entlang. Weil Mensblut für mich etwas neutrales geworden ist, konnte ich ihr ruhig und direkt sagen: „Es läuft etwas Blut an Ihrem Bein entlang.“ Vermutlich, weil es für mich nicht schambesetzt oder aufregend war, konnte sie ebenso reagieren. Sie bedankte sich ruhig und ging, ohne erkennbare Anzeichen der Scham, in die Duschräume. Für mich jedenfalls war es ein besonderer Moment, wir konnten das Menstruationsblut einfach da sein lassen.

Stoffbinden für einen wertschätzenderen und offeneren Umgang

Auf dieser Grundlage und entsprechend meiner veränderten inneren Einstellung setzte ich Anfang der 90er mit Rosi Weber bei Biogarten und später dann als Unternehmerin mit Kulmine statt auf Einweg-Menstruationsprodukte mit medizinischer Anmutung auf hochwertige, mit Farbvielfalt und weichem Griff lockende Stoffbinden und -slipeinlagen.

Während der Arbeit an diesem Artikel wurde mir klar, dass ich meine Großmütter und auch meine Mutter lange Zeit gar nicht als menstruierende Wesen wahrgenommen habe. 
Das ändert sich in vielen Familien auch mit dem Gebrauch von Stoffbinden. Sie liegen im Wäschekorb, hängen auf der Wäscheleine, werden manchmal sogar von Partner:innen gebügelt. Ein kleines Mädchen wünscht sich Stoffbinden für ihre Puppen, Teenies suchen gemeinsam mit Mutter oder Tante ihre Wunschstoffbinden aus.

Mehr zum Thema findet ihr hier: Klick

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