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Wie eine fiktive Kundin zu Kulmine fand

Kulmines in Seidenpapier

Sie las im Internet davon. Wo genau, wusste sie gar nicht mehr. Vielleicht war es eine Werbung. Vorstellen konnte sie es sich nicht so wirklich. Die Gründe, die dagegen sprachen, hätten eine lange Liste füllen können und doch …  und doch war da diese eine Sache, die schwerer wog als all die Vorbehalte, die laut und unermüdlich auf sie einredeten. Das, was schwerer wog, war das mit der Umwelt. 

Sie hatte ihre erste Blutung mit 14 bekommen und füllte somit seit vielen Jahren Menstruationsprodukte mit ihrem Blut und warf sie weg und warf sie weg. Das macht man doch damit, oder? Richtig darüber nachgedacht hatte sie nie. Und jetzt hatte sie diese Werbung gesehen, oder vielleicht war es auch keine Werbung gewesen – so genau weiß man das bei Instagram ja manchmal gar nicht. Es gab also eine andere Möglichkeit, eine bei der sie keinen Müll produzieren würde, zumindest nicht während und für die Blutung. Stoffbinden waren das. Dass sie, die Binden so wenig mochte, dass sie schon kurz nach der ersten Blutung auf Tampons umgestellt hatte, überhaupt darüber nachdachte! Und doch ließ sie der Gedanke nicht mehr los, sodass sie in den nächsten Wochen alles las, was sie dazu finden konnte – und das war einiges, denn neben der ausführlichen Webseite gab es seitenweise Feedback und das las sich so zufrieden, dass es kaum zu glauben war.

Schließlich kam der Moment. Vielleicht nach einem weiteren in Klopapier eingewickelten und müffeligen Tampon, der sich nur störrisch aus der Vagina hatte ziehen lassen. Vielleicht nachdem die Tage der Blutung wieder von einem alles durchdringenden Jucken begleitet worden waren, bei dem keine Gyn je etwas als Ursache fand und ihr mehr als einmal nahegelegt worden war, dass sie es wahlweise aushalten sollte oder die Beschwerden vielleicht nur psychisch wären – ob sie schon überlegt habe, die Pille zu nehmen?

Klick, klick und klick, die Binden waren bestellt, erstmal nur drei Stück in verschiedenen Formen, so wie es auf der Homepage empfohlen wurde. Und plötzlich war da etwas, was sie noch nie in ihrem Leben gefühlt hatte: Vorfreude und Neugier auf die nächste Blutung! Staunend überprüfte sie die Gefühle, aber sie waren tatsächlich da und mit der gleichen Vorfreude wartete sie auch auf das Päckchen, das nun auf dem Weg zu ihr war. Nichts hätte sie auf den Moment der Ankunft vorbereiten können. Der Umschlag im Briefkasten versprach Großes und enthüllte beim Aufmachen im Inneren die umweltfreundlichen Wunder. Zu sehen, dass Lösungen schon existierten, und auch genutzt wurden und nun war sie Teil davon – all das gab ihr ein wohliges Gefühl von „Na geht doch, wieso nicht mehr davon?“ und schon waren ihre Gedanken bei dem Inhalt.
Der war gerade noch vor ihren Augen verborgen, denn er war in feines, zart knisterndes Seidenpapier gewickelt, das ein Gefühl von Geburtstag und Weihnachten zugleich vermittelte. Als sie es öffnete, purzelten die drei Kulmines, die sie sorgfältig ausgesucht hatte, heraus. Eine Midi mit Flügeln, eine Maxi mit Flügeln und eine, das sich Hela nannte und sie besonders neugierig gemacht hatte.

Das Timing war vorzüglich, eine Wäsche wartete gerade darauf angestellt zu werden und die drei Binden wanderten zur restlichen Wäsche und drehten kurz danach die erste von vielen Runden in der Waschmaschine. Bis zu 20 Jahre lang konnten diese Binden anscheinend genutzt werden – das schien ihr geradezu fantastisch, in einer Welt, in der so vieles kurz nach Ablauf der Garantie kaputt ging. Als die Binden aus der Maschine kamen, bekam sie erstmal einen kleinen Schrecken. Sie hatte schon gelesen, dass die erste Wäsche eine gewisse Transformation bei den Binden hervorrief, aber nun sahen sie doch etwas traurig zerknautscht und zerzaust aus. Sorgfältig faltete sie die Kulmines auseinander und zog sie in Form. Das würde schon so sein, wie es sollte, ermutigte sie sich selbst und legte die Binden flach auf den Wäscheständer. Als die Binden trocken waren, sahen sie schon wieder anders aus, wenn auch tatsächlich nicht mehr so schön wie vor der ersten Wäsche. Das Aussehen stellte sich allerdings als völlig irrelevant heraus, sobald sie die erste Binde in die Unterhose knöpfte. 

Die Blutung würde erst in einigen Tagen kommen, aber ihre Neugier war zu groß zum Warten. Und wie die Binde da in der Unterhose lag, war sie wieder hübsch – und was noch viel wichtiger war, sie umschmeichelte die Vulvina auf eine noch nie gekannte Art. Sie wusste mit sofortiger Gewissheit, dass sie sich in jedem Fall auch Slipeinlagen bestellen würde, selbst wenn der Versuch während der Blutung nicht erfolgreich sein sollte. Es war ein geschütztes Gefühl. Sie hatte nicht gewusst, dass ihre Vulvina so etwas fühlen konnte! Das letzte Mal, dass sie so ungeduldig auf ihre Blutung gewartet hatte, war als ein Kondom in einer etwas stürmischen Nacht nicht da geblieben war, wo es sein sollte.

Es traf sich gut, dass ihre Blutung schließlich an einem Sonntag zu Besuch kam. Ob sie sich getraut hätte, den ersten Versuch an einem Arbeitstag zu machen, wusste sie nicht und nun musste sie darüber auch gar nicht nachdenken. Sorgfältig wischte sie auf der Toilette das Blut und den Schleim von der Vulva und zog dann die Unterhose mit der darin liegenden Kulmine hoch. Und dann … vergaß sie ihre Blutung! Weil es einfach nicht so viel zu spüren gab.  Ihr Unterbauchziepen war im Vergleich zu anderen Menschen schon immer unauffällig gewesen, doch nun existierte es einfach gar nicht mehr. Und das Jucken? Das tauchte erst zum letzten Tag der Blutung kurz auf und war genauso schnell wieder weg. Sie konnte es nicht fassen. War das all die Jahre möglich gewesen? 

Noch am Tag des Wechsels hatte sie mehr Binden bestellt, nun mit einer besseren Vorstellung davon, wie viele sie brauchen würde. Auch Slipeinlagen durften nun mit in den Warenkorb. Dann machte sie das, was hunderte Kundinnen, vielleicht sogar tausende vorher schon gemacht hatten, denn irgendwo musste dieses Staunen und Wundern ja hin! So schrieb sie im Internet über ihre Erfahrungen und über ihre Begeisterung und Zufriedenheit und wenn es nur eine andere Person lesen würde, die die gleiche Entdeckungen machen konnte wie sie, dann hatte sich alles hundertfach gelohnt. 
Und das mit der Umwelt? Das freute sie natürlich jede Blutung aufs Neue. Im Vergleich zu dem neuen Gefühl, das ihr geschenkt worden war, verblasste dieser Grund allerdings etwas. Aber weil es ja überhaupt der erste Grund gewesen war, weshalb sie sich getraut hatte, diesen Weg zu gehen, hielt sie ihn in Ehren und nun wurde das der Hinweis, mit dem sie Freundinnen von Stoffbinden erzählte. Der Rest schien ihr so unglaublich, dass es einfach selbst entdeckt werden musste. Und das wurde es dann auch.

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