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Einmal im Monat sterben wollen

Inhaltshinweis: Es geht in diesem Beitrag um Menstruation, Schwangerschaft, psychische Gesundheit, Depressionen und Suizidgedanken, Albträume und geschlechtsbezogene Dysphorie. Wenn du einen Begriff aus diesem Beitrag nicht verstehst, wird er vermutlich in diesem einleitenden Beitrag zum Thema Trans und Menstruation erklärt, in dem es auch ein Glossar gibt.

Ich hatte meine erste Blutung und wurde nicht zur Frau

Mit 13 bekam ich zum ersten Mal meine Periode. Meine Mutter schenkte mir eine Schachtel Pralinen. Ich sei jetzt eine Frau. Theoretisch wusste ich über die Mens einigermaßen Bescheid. Praktisch? Gerade in Teenie-Jahren? Durchgeblutete Jeans in der Schule, die Angst beim ersten Mal Tampon einführen und die heftigen psychischen Begleiterscheinungen? Darüber war ich nicht aufgeklärt. Die Menstruation war für mich von Beginn an etwas, was mich störte. Es war nicht so, dass ich meine Mens gehasst hätte. Aber sie schränkte mich ein. Sie verunsicherte mich. Sie passte nicht zu mir. So wie es nicht zu mir passte, wenn ich „Mädchen“ genannt wurde. Oder, noch viel schlimmer „junge Frau“. Nur „Lesbe“, das war (und ist bis heute) in Ordnung.

Ich gewöhnte mich an die Mens. Mein Zyklus war zum Glück relativ schnell sehr regelmäßig. Die Blutungen waren dafür leider sehr stark. Schnell lernte ich, dass ich mit Tampons besser klar kam als mit Binden. Dieses unangenehme Gefühl des aus mir laufenden Blutes, das mich kontinuierlich daran erinnerte, dass ich menstruierte, fiel so weg. Mit 13 bekam ich also meine Tage und wurde nicht zur Frau. Weder dadurch, noch später. Aber das wusste ich damals noch nicht. Ich wusste, dass es sich merkwürdig anfühlte, wenn ich bei anderen Teenies sein sollte, die als „Mädchen“ einsortiert waren. Dass ich mich störend und fremd fühlte unter ihnen. Dass ich Kontakt immer zu denen suchte, die anders waren – wie ich. Zu denen, die in der Schule keine liebevollen Spitznamen bekamen.

Erst mit 30 wurde mir der Zusammenhang von Psyche und Zyklus deutlich

Ich war ein depressiver Teenie mit Psychiatrieerfahrungen. Das Leben war nichts, was ich besonders erstrebenswert fand. Ich wurde zu einem depressiven Erwachsenen im ständigen Kampf gegen depressive Phasen und Suizidgedanken. In der Zeit zwischen meinem 27ten und meinem 32sten Lebensjahr ging es mir psychisch besser. Was in dieser Zeit anders war? Ich habe kaum menstruiert, denn ich war wahlweise schwanger oder habe gestillt oder beides. Ich entdeckte alternative Menstruationshygieneartikel für mich. Und ich outete mich als trans maskulin und nicht binär.

Dass der Zyklus maßgeblich auch die Psyche beeinflusst, wurde mir erst spät bewusst. Lange lange nach der Pubertät und tatsächlich erst, nachdem mir klar wurde, dass weder die Menstruation noch das Kinderkriegen mich zur Frau gemacht haben (Hier gibt es einen passenden Artikel dazu auf dem Blog QueErziehung: Frauisiert und Vermuttert). Vorher hatte ich immer gesagt, dass ich Glück habe mit der Mens. Weil ich kaum Regelschmerzen kannte. Nur der Eisprung tat immer höllisch weh, aber das war ja nur ein Tag. Freund:innen lagen dagegen oft mehrere Tage mit Schmerzen flach, wenn sie menstruierten.

Ich musste über 30 werden, um den Zusammenhang zwischen meiner Psyche und meinem Zyklus zu finden. Durch Freund:innen wurde ich darauf gestupst, dass psychische Symptome auch oft zyklisch sind – und ich begann aufzuschreiben, wann die schlimmsten Tage waren. Ich hasse so regelmäßige Dinger und musste mich sehr dazu zwingen, täglich zu notieren, wo ich im Zyklus war und welche Symptome auftraten. Nach spätestens drei Zyklen war die Tendenz schon mehr als deutlich: zuverlässig zwei, drei Tage vor der Menstruation sank meine Stimmung auf ein monatliches Tief. Ich bekam schlimme Albträume, wurde depressiv und suizidal. Das ist der Zeitraum, in dem Progesteron und Östrogen von ihrem zyklischen Höchstwert relativ schnell abfallen. Dafür waren um den Eisprung herum meine Symptome körperlicher Natur ausgeprägter: meine (ohnehin chronischen) Rückenschmerzen waren schlimmer, ich hatte oft Kopfschmerzen. Während ich meine Tage hatte, war ich besonders nervös, fahrig und unsicher.

Der menschliche Hormonhaushalt ist unglaublich faszinierend. Und die Menstruation so viel mehr als nur monatliche Grundreinigung zum Erhalt der Gebärfähigkeit.

Aber ich bin nicht in der Medizin tätig und möchte hier keine halbwissenschaftlichen Erkenntnisse vermitteln. Vielmehr möchte ich von meiner Erfahrung mit der Menstruation berichten. Zu dem Zeitpunkt, als ich den Zusammenhang von Psyche und Menstruation erkannte, wusste ich bereits, dass ich trans bin. Dass ich nicht binär bin. Weder Frau noch Mann, auch nichts dazwischen. Ich habe einfach ein Geschlecht, das außerhalb dieser beiden Kategorien liegt. Ich wusste, dass ich mehr Testosteron im Körper haben wollte und dass ich dazu eine Hormonersatztherapie anfangen wollte. Und dass meine Menstruation ein Teil meines Körpers war, den ich als unpassend und unstimmig empfand.

Für trans Menschen wird oft die Formulierung benutzt, sie wären im falschen Körper geboren

Wenn über trans Personen geschrieben wird, dann wird oft die Formulierung benutzt, sie wären im falschen Körper geboren. Aber das stimmt für mich so nicht und die meisten trans Personen, die ich kenne, lehnen diese Formulierung für sich selbst ab. Es gibt Teilaspekte meines Körpers, die nicht zu mir passen. Gegenüber denen ich Dysphorie empfinde.

Aber als viel wichtiger als mein Leid empfinde ich meine Freude. Ich will nicht wissen, was an meinem Körper mich unglücklich macht, sondern, was mich glücklich macht. Ich will vor dem Spiegel stehen und mich selbst sehen.

Das erste Mal, dass es mir mit meiner Menstruation besser ging, war, als ich nach der Geburt meines ersten Kindes meine erste Menstruationstasse besorgte und einsetzte. Kein Faden, der aus mir baumelte, kein Drücken, kein Gefühl von Trockenheit: Ich konnte vergessen, dass ich gerade menstruiere. Tatsächlich tat ich das so oft, dass ich mir Erinnerungen daran stellen musste, die Tasse auch auszuleeren. Zum ersten Mal in meinem Leben nervte mich meine Menstruation nicht unglaublich. Aber ich wurde schnell wieder schwanger und brauchte die Tasse erst eineinhalb Jahre später wieder.

Nach dem zweiten Kind besorgte ich mir zu der Tasse noch Stoffbinden – hauptsächlich als Backup, falls ich die Tasse tatsächlich mal vergaß und für die letzten zwei Tage, wo ich so wenig blutete, dass ich es kaum bemerkte. Die Stoffbinden waren für mich zwar spürbar, haben aber deutlich weniger von dem Windel-Gefühl, das Einweg-Binden haben. Außerdem stinken sie auch nicht so extrem. Ich war schon immer geruchsempfindlich und Einweg-Binden haben einen recht starken Geruch, insbesondere wenn das Menstruationsblut auf sie trifft. Auf dem Stoff roch das Blut einfach nach Blut. Ich habe zwei Arten von Stoffbinden, welche, die mit Klett verschließbar sind und welche, die sich mit Druckknöpfen verschließen lassen. Die mit Klett verschließbaren nutze ich eigentlich gar nicht. Da meine Oberschenkel beim Laufen aneinander reiben, hatte ich oft wunde Stellen dort, wo der Klettverschluss saß.

Ich legte mir auch unterschiedlich große und feste Tassen zu. Von anderen trans Personen weiß ich, dass für einige das Einführen der Tasse mehr Unbehagen auslöst, als das aus dem Körper fließende Blut. Für mich war das anders herum und ich war sehr froh, dass ich lernte, welche Tassen wann gut für mich passen.

Froh darüber, nicht mehr einmal im Monat sterben zu wollen

Nach dem dritten Kind und dem Ende der Stillzeit begann ich eine Hormontherapie mit Testosteron. Schnell wurde meine Menstruation weniger und nach acht Monaten blieb sie ganz aus. Denn was selten erwähnt wird, wenn es um eine Hormonersatztherapie mit Testosteron geht, ist, dass der Körper nicht nur eine zweite Pubertät durchläuft, sondern zeitgleich etwas, was der Menopause nicht unähnlich ist. Hitzewallungen inklusive. Und auch unangekündigte Blutungen kommen mal vor. Oder wie ein Freund sagte: „Auch wenn du schon aufgehört hast zu menstruieren, kann es passieren, dass dein Körper da nochmal Gerümpel aussortiert“.

Inzwischen vergesse ich oft, dass ich mal menstruiert habe. Es spielt für mein Leben keine Rolle mehr und ich bin tatsächlich überrascht, wenn ich mitkriege, dass befreundete Personen menstruieren – weil das Thema für mich einfach überhaupt keine Relevanz mehr hat. Ich finde das manchmal ein bisschen beschämend, dass ich über Menstruation so wenig nachdenke, wie ich es früher (meist cis männlichen) Freund:innen vorhielt. Ich muss mich mittlerweile genauso aktiv daran erinnern, dass für eventuell menstruierende Besucher:innen ein Mülleimer mit Tüte im Bad stehen sollte, der nicht schon überläuft.

Ich kann menstruierenden Personen sehr empfehlen, alle Symptome, die sie haben, täglich aufzuschreiben – zumindest eine Zeit lang. Und zu gucken, ob es einen Zusammenhang zum Zyklus gibt. Und auch, wenn das finanziell möglich ist, ob diese sich mit unterschiedlichen Menstruationshygieneartikeln verändern. Von vielen Freund:innen weiß ich, dass zum Beispiel ihre Menstruationsschmerzen mit Nutzung von Tassen statt Tampons besser wurden. Auch für Personen, die menstruieren und diesbezüglich Dysphorie erleben, kann ich ein Durchprobieren empfehlen.

Ob meine prämenstruellen psychischen Probleme hauptsächlich durch Menstruation oder durch Dysphorie bedingt waren, weiß ich nicht. Vermutlich eine Mischung aus beidem. Auf jeden Fall bin ich sehr froh darüber, dass ich nicht mehr einmal im Monat sterben will.

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