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Selbstsicherer werden

Das Thema Selbstsicherheit begleitet mich schon seit der Schulzeit. Damals litt ich unter einer fast krankhaften Schüchternheit. Nie konnte ich mich im Unterricht melden, selbst wenn ich die Antwort sicher wusste. Auch konnte ich nicht nachfragen, falls ich etwas nicht verstand. Und auf direkte Fragen einer Lehrerin/eines Lehrers antwortete ich mit roten Backen und gehackter Sprache. Ich hatte schlicht keine Selbstsicherheit. Einmal schrieb eine Lehrerin sogar folgende Bemerkung in mein Zeugnis: „Sehr gute Leistungen begleitet von ständigem Mangel an Selbstsicherheit“.

Wie es zu diesem Zustand kam, ist schwer nachzuvollziehen. Ich erinnere mich daran, dass ich nicht auffallen wollte. Weder mit richtigen noch mit falschen Antworten. Vielleicht dachte ich auch unbewusst: „Mädchen dürfen gar nicht auffallen. Sie müssen still und leise sein.“ Aber das ist nur eine Hypothese, die ich mit meinem heutigen Wissen formuliere. Seit mehreren Jahren nun suche ich nicht mehr nach der Ursache meines mangelnden Selbstwertgefühls. Ich möchte Lösungen. Hier einige Tipps, die mir geholfen haben. Natürlich erhebt diese Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Auf Ergänzungen und Ideen Eurerseits bin ich auch sehr gespannt!

1. Informationen suchen

Mein erster Reflex war, mehr über den Umgang mit mangelnder Selbstsicherheit zu erfahren. Ich las und las und las; zum Thema gibt es auch eine Unmenge an Literatur. Die Lektüre tat gut, ich fühlte mich weniger allein mit diesem Problem und nahm wertvolle Tipps mit auf den Weg. Allerdings hatte ich mir von der Auseinandersetzung mit dem Thema zu viel erhofft. Nein, es reichte nicht, Bücher darüber zu lesen, seien sie auch von noch so großen Psychologen oder Pädagogen geschrieben. Trotzdem ist es meiner Meinung nach ein guter Anfang. Folgende Bücher, Artikel und Videos haben mir geholfen:

  • Barton, Laura: Too scared to speak up? How to be more confident, in: The Guardian, 26.10.2017 (zuletzt aufgerufen am 01.05.18).
  • Berckhan, Barbara: Die etwas gelassene Art, sich durchzusetzen. Ein Selbstbehauptungstraining für Frauen, München 2003. Mein persönliches Lieblingsbuch zum Thema, verfasst von einer erfahrenen Pädagogin und Kommunikationstrainerin.
  • Minker, Margaret: Selbstwert statt Marktwert. Sich schön fühlen und selbstbewusster werden, München 1996.
  • Dies.: Mit Leib und Seele gesund. Psychosomatik für Frauen. München 1997.

Videos (TED Talks):

2. Sport treiben

Ganz ehrlich, in der Schule habe ich Sport gehasst. Vor allem Ballspiele bereiten mir bis heute noch Albträume. Seit der Schulzeit fasste ich Sport als etwas sehr Negatives auf; als etwas, das mir nicht guttut. Erst im Alter von 25 Jahren, kam ich auf die Idee, „Sport“ zu treiben. „Sport“ hier bewusst in Anführungsanzeichen, denn von Volleyball, Tennis oder ähnlichem wollte ich immer noch nichts hören! Ich entschied mich daher für einen Qigong-Kurs, der von der örtlichen Volkshochschule angeboten wurde. Qigong ist eine der Säulen der Traditionellen Chinesischen Medizin und besteht aus sanften Bewegungsübungen.[1] Der Kurs verlief sehr gut, nicht zuletzt, weil die Leiterin äußerst kompetent und einfühlsam war. Qigong half mir, mich zu entspannen und förderte meine Beweglichkeit und Koordination. Mit Erstaunen wurde mir klar, dass mein Körper Aufmerksamkeit braucht und zu viel mehr fähig ist, als ich dachte. Das war ein Schlüsselerlebnis. Darauf folgten zwei weitere Kurse. Dann entdeckte ich Pilates, wieder durch einen Gesundheitskurs. Der Deutsche Joseph Pilates erfand diese nach ihm benannte Methode des Ganzkörpertrainings zu Anfang des 20. Jahrhunderts und wurde dabei maßgeblich vom Yoga inspiriert. Pilates wanderte später in die USA aus und hatte mit seiner Methode dort großen Erfolg. Wie im Qigong liegt bei Pilates der Fokus auf der Bauchregion, dem sogenannten „Powerhouse“. Das Besondere an Pilates ist, dass alle Muskeln gleichmäßig trainiert werden.[2]

Durch Qigong und Pilates habe ich ein gesundes Körpergefühl entwickelt. Pilates betreibe ich seit einem Jahr fast täglich und bin stolz darauf, den „inneren Schweinehund“ besiegt zu haben. Es ist dieser Stolz, der mir wiederum Selbstvertrauen schenkt. Allgemein fühle ich mich wohler; vielleicht auch, weil man beim Sport bekannterweise Glückshormone produziert und auch das Immunsystem angeregt wird. Insgesamt fühlt man sich stärker und weniger verwundbar.

3. Dankbar sein und verzeihen

Dankbarkeit erzeugt Zufriedenheit und Selbstsicherheit. Ein guter Anfang ist eine Übung namens „Three blessings“. Sie besteht darin, jeden Abend in einem Heft drei Dinge aufzuschreiben, für die man an diesem Tag dankbar war. Das kann alles sein; es gibt keine Grenzen!

Eine Variante dieser Übung besteht darin fünf Dinge aufzuschreiben, die man am Tag erfolgreich gemeistert hast. Egal was, auch wenn es einem noch so klein erscheint. So sah ich, wieviel ich doch täglich schaffe und wie stolz ich auf mich sein kann.

Um noch positiver zu denken, kann man sich auch in der Kunst des Verzeihens üben. Verzeihen heißt zunächst einmal Größe zu zeigen und dies trägt auch zu deinem Selbstwertgefühl bei. Ich weiß, dass es nicht immer leichtfällt, zu verzeihen. Auch ich hatte damit zu kämpfen. Verzeihen bedeutet nicht unbedingt entschuldigen oder vergessen. Es heißt vor allem, keinen Hass oder Groll zu verspüren, denn diese Gefühle tragen nicht zu einem positiven Selbstwertgefühl bei.

4. Kreativ sein

Kreative Hobbys haben mir ungemein dabei geholfen, mein Selbstvertrauen zu steigern. Vor zehn Jahren konnte ich weder backen, noch kochen, noch dekorieren. Heute backe ich alles Mögliche, auch mein eigenes Brot. Ich koche Gerichte aus mehreren Ländern und beschäftige mich seit einiger Zeit mit der veganen Küche. Ich habe gelernt, Origamis zu falten und dekoriere mein Wohnzimmer zu verschiedensten Anlässen und Feiertagen. All diese Kenntnisse habe ich gerne erworben und bin heute auf die Ergebnisse dieses langen aber lohnenswerten Lernprozesses besonders stolz. Ich glaube, der Mensch erschafft unheimlich gerne. Alles bereits fertig gestellt zu kaufen tut ihm nicht besonders gut. Es gibt so viele schöne Hobbys, auch abseits von Kochen und Backen: Nähen, Zeichnen, Malen, Stricken, Musizieren, Schreiben, Fotografieren, Modell bauen, usw. Durch meine neuen kreativen Freizeitbeschäftigungen wurde mein Selbstwertgefühl in jedem Fall positiv beeinflusst. Darüber hinaus tragen diese entspannten Momente zum Wohlbefinden bei und trainieren effektiv das Gehirn.

5. Vergleiche

Das Internet und soziale Medien verleiten leicht dazu, sich mit anderen zu vergleichen. Weil viele die Kunst des Selbstdarstellens bis zur Perfektion beherrschen, starrt man voller Entsetzen auf deren Leben, die märchenhaft erscheinen. Was hinter den Kulissen passiert, ist eine andere Geschichte. Familiäre, persönliche oder berufliche Krisen erfährt jeder, auch die Menschen, die du recherchierst und vor denen man sich klein machst. Diese Personen, vielleicht ehemalige Schulkameraden oder Uni-Kommilitonen, stellen sich nur dar. Die Realität ist oft ganz anders. Nicht alles ist Gold, was glänzt.

Das Lesen von Biographien, Autobiographien und Memoiren berühmter Erfinder, Wissenschaftler, Schriftsteller, Schauspieler, half mir auch sehr dabei, die Dinge zu relativieren. Auch deren Leben war nicht immer rosig und bei ihnen war vieles anders, als ich mir ausgemalt hatte. Ja, auch die Großen dieser Welt sind durch zahlreiche Enttäuschungen gegangen und mussten Niederlagen einstecken. Und viele, darunter viele Künstler, haben auch mit mangelndem Selbstwertgefühl zu kämpfen.

6. Sich als Frau akzeptieren, respektieren und lieben

Als letzter und vielleicht wichtigster Punkt: ich akzeptiere, respektiere und liebe mich als Frau. Es ist nicht von heute auf morgen passiert, aber auf den ganzen Prozess kann frau sich unheimlich freuen 😊 Es ist wie eine wunderbare Reise und ein Treffen mit sich selbst.

Man sollte sich nicht schämen und keine Angst davor haben, eine Frau zu sein. Frauen sind so stark. Das beweist schon die Tatsache, dass Frauen ständig erfolgreich soziale Rollen wechseln und sogenannte „Reifungskrisen“ (Schwangerschaft oder Wechseljahre z.B.) meistern![3]

Meinen Zyklus kennenzulernen und die Menstruation als „Zeichen weiblicher Kraft“[4] zu erleben, hat auch viel zu einem gesünderen Selbstwertgefühl beigetragen. Die Periode ist nichts Schmutziges oder Lästiges, das unbedingt unterdrückt werden muss. Insbesondere durch die Benutzung von Stoffbinden erlangte ich eine neue Perspektive auf diesen natürlichen Vorgang.[5]

Artikel und Bücher von und über Frauen zu lesen ist für mich eine Wohltat und lässt mein Selbstvertrauen steigen. Seitdem fühle ich mich als Teil einer großen und besonderen Gemeinschaft und sehe, dass viele Frauen die gleichen Schwierigkeiten, Widrigkeiten oder gar Traumata erleben. Allgemein versuche ich, den Mut nie zu verlieren. Wir Frauen besitzen unheimlich viel Resilienz und auf dem Lebensweg kommen immer andere Frauen (aber auch Männer) die uns weiterhelfen.

 


[1] http://ddqt.de/taijiquan-qigong/qi-gong-uebungen-zur-kultivierung-von-koerper-und-geist/ (25.01.18)
[2] https://hashtag-pilates.de (25.01.18)
[3] Minker, Margaret: Mit Leib und Seele gesund. Psychosomatik für Frauen. München 1997, S. 146-151.
[4] Ebd., S. 155.
[5] Vgl. mein Beitrag „Fünf Dinge, die ich dank der Kulmines gelernt habe.“

Luise

Veröffentlicht von

Luise Haynau ist Kulturwissenschaftlerin, liebt Sprachen und Literatur und interessiert sich zunehmend für das Thema Frauengesundheit und Frau-Sein allgemein. Wenn Luise nicht liest, dann bäckt sie, kocht oder faltet Origami! Dabei hört sie sehr gerne die Musik von Amy Macdonald.

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