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Was liest Du gerade?

Auf diese Frage kann ich stets eine Antwort geben. Schon seit der Kindheit bin ich eine echte Leseratte und kann ohne Bücher nicht leben. Sei es als Kind, Jugendliche oder jetzt als Erwachsene: Bücher haben mich beruhigt, berührt, gebildet; sie haben mich träumen lassen und zum Nachdenken gebracht. Also was lese ich zurzeit? Los geht’s!


1. Prairie Tale. A memoir

von Melissa Gilbert

Als Kind habe ich die Fernsehserie „Unsere kleine Farm“ nie geschaut. Gleich zu Anfang kam es mir sehr langweilig vor und ich war immer traurig als es im Fernsehen lief. „Warum kommt nichts Spannenderes?“ dachte ich mir insgeheim. Jahrzehnte später entdeckte ich dank meines Mannes die Serie völlig neu. Er versicherte mir, die Serie habe Tiefgang, Spannung, Humor und einige Episoden seien sehr rührend. Zu meinem großen Erstaunen stellte ich schließlich fest: Das stimmt! Es wurde für mich zu einer Freude, dem Alltag der amerikanischen Familie Ingalls in einem Dorf am Ende des 19. Jahrhunderts zu folgen und sie durch dick und dünn zu begleiten. Der im Vergleich zu heute verlangsamte Rhythmus dieser Zeit liegt der Serie zugrunde und es wird dadurch eine gewisse Ruhe vermittelt. Das soll allerdings nicht heißen, dass immer alles idyllisch war, denn auch Brände, Missernten, Epidemien, Kriminalität werden thematisiert. In jedem Fall wurde ich langsam zu einem Fan der kleinen Farm.

Mein Mann, der an amerikanischen Film- und Fernsehproduktionen sehr interessiert ist, wollte schließlich auch mehr über die Hintergründe der Serie erfahren und erwarb die Autobiographie von Melissa Gilbert alias Laura Ingalls/Drei-Käse-Hoch, eine der Hauptfiguren der Serie (die kleine mit den Zöpfen!). Mit Begeisterung erzählte er über den aufrichtigen und ehrlichen Schreibstil der Schauspielerin und wie viele Details sie über das Leben im Filmbusiness preisgab. Erstaunt und traurig stellte er schließlich fest, dass Gilbert eine schwere Familiengeschichte und viele ausgesprochen unglückliche Beziehungen vorzuweisen hatte. Als er das Buch fertiggelesen hatte, empfahl er mir dieses dringend selbst zu lesen.

Die Memoiren beginnen mit einem leicht gezwungenen Ton, vor allem einige gestreute Witze fallen etwas flach. Ich glaubte spüren zu können, wie Gilbert mit Angst und Aufregung von der Aufgabe, ihre Memoiren zu schreiben, überwältigt war. Aber ihre Offenheit überzeugte mich und so las ich weiter. Für Fans der Kleinen Farm ist das Buch ein Muss! Man erfährt sehr viel über den Alltag am Filmset sowie über die anderen Schauspieler, insbesondere über Michael Landon alias „Pa“. Nach dem Ende der Serie, deren letzte Episode ausführlich erzählt wird, bekam Gilbert zahlreiche andere Filmrollen und reifte sowohl als junge Frau wie auch als Schauspielerin. Aus ihren Schilderungen erfährt man sehr viel über Hollywood allgemein: Jeder kennt jeden, Drogen und Partys sind an der Tagesordnung, Frauen werden nicht immer respektvoll behandelt („#Me too“ hätte es damals schon geben können!). Gilbert schlug sich aber durch.
Als sie heiratet nahm ich plötzlich eine Veränderung in Schreibstil und Rhythmus der Memoiren wahr. Es wurde hochspannend, schlüssig und oft sehr ergreifend. Bei aller kritischen Perspektive wurde mir immer klarer: Ich las die Geschichte einer Frau; die Geschichte einer Mutter, einer Künstlerin, die wie so viele Frauen auf der Welt, ständig die Rollen wechseln musste. Es ist die Geschichte der Sehnsucht nach einer Vaterfigur und schließlich die Geschichte der Suche nach dem perfekten Mann. Ein umso komplexeres Thema für Gilbert, da sie adoptiert wurde und ihren Adoptivvater früh verlor. Es ist die Geschichte von Männern, die gerne ausnutzen, beneiden, belügen, betrügen, bedrohen…Aber auch solche die lieben, helfen, verstehen und unterstützen. Und es ist eine wahre Ode an die Mutterschaft mit allem was dazu gehört, auch Ängste und Kummer. Alles in allem die Autobiographie einer starken Frau, die Kraft verleiht und inspiriert.


2. Die Wolfsfrau.

Die Kraft der weiblichen Urinstinkte von Clarissa Pinkola Estés.

Zufällig stieß ich in einem Blog auf eine Empfehlung für dieses Buch. Der Titel wirkte zunächst sehr rätselhaft auf mich und ich wollte unbedingt mehr über dieses Werk erfahren. Als ich die ersten Zeilen las, befand ich mich im Garten. Obwohl ein kühler Wind aufkam und ich in solchen Situationen immer schnell eine Jacke oder Decke herbeihole, fesselte mich das Buch sofort derart, dass ich gar nicht daran dachte. Diese ersten Zeilen, die mich sofort berührten, möchte ich hier mit Euch teilen:

Nicht nur wilden Tiere, auch die wilden Frauen dieser Erde sind vom Aussterben bedroht. Im Lauf mehrerer Jahrtausende wurde die weiblichen Urinstinkte systematisch plattgewalzt, abgeholzt, ausgeplündert, unterdrückt, oft auch zubetoniert. Die selbsternannten Verwalter der Erde hielten alles Ursprüngliche, alles Instinktive und Intuitive für eine Bedrohung ihrer Position und folglich auch nicht für erhaltenswert. Auf diese Weise wurde das urwüchsig Instinktive, das allen Frauen innewohnt, in eine der dunkelsten Ecke ihrer untergründigen Seelenlandschaften verbannt.“

Der Schreibstil der Autorin, einer promovierten Psychologin, nimmt die Lesenden an die Hand und führt durch ein Dickicht an Märchen, Mythen und Liedern – immer auf der Suche nach der weiblicheren „Urkraft“ und dem „Urinstinkt“. Durch die wunderschöne Feder der Autorin (und der hervorragenden deutschen Übersetzung von Mascha Rabben) lässt sich das Buch sehr gut lesen. Die Textanalysen sind tiefgängig und komplex; man muss einiges „sacken lassen“ und wird von der Autorin zum eigenen kritischen Denken angeregt. Das Werk tut gut, tut weh, lässt träumen, lässt nachdenken und…heilt. Um die Autorin das Schlusswort zu überlassen: „Erzählungen sind Medizin“.


3. Oh she glows! Das Kochbuch.

Über 100 vegane Rezepte die den Körper zum Strahlen bringen von Angela Liddon

Ein Kochbuch als Lektüre? Dieses schon! Ich habe es mit viel Vergnügen als Abendlektüre durchgelesen. Die Autorin ist Kanadierin und erlangte durch ihren kulinarischen Blog Oh she glows! („Oh sie strahlt!“) einige Bekanntheit. Aus dem Blog wurden 25 Rezepte in das Buch integriert, weitere 75 Rezepte wurden exklusiv für diese Publikation kreiert. Das Kochbuch ist geprägt von der offenen und humorvollen Persönlichkeit der Autorin. In einer ausführlichen Einleitung bespricht die Autorin ihren Weg zu einer gesünderen Ernährung und schließlich zum Veganismus. Angela Liddon spricht mit ihrem Kochbuch ein sehr breites Publikum an. So erklärt sie: „Ganz egal, ob Sie bereits vegan leben oder einfach nur ab und zu ein paar pflanzliche Gerichte in Ihren Speiseplan einbauen möchten – ich bin zuversichtlich, dass die Rezepte in diesem Kochbuch eine positive Auswirkung auf Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden haben und Ihre Begeisterung für eine einfache pflanzliche Küche neu entfachen werden.

Die Einleitung geht weiter mit der Vorstellung der veganen Speisekammer der Autorin, unterteilt in „Vollkorngetreide und Mehle“, „Pflanzendrink, -joghurt und -käse“, „Süßungsmittel“, „Fette/Öle“, „Salz“, „Kräuter und Gewürze“, „Nüsse und Samen“, „Bohnen und andere Hülsenfrüchten“, „Sojaprodukte“, „Schokolade“, „andere Lebensmittel“, „Säuerungsmittel“. Die Autorin klärt über die besonderen Eigenschaften einzelner Lebensmittel, beispielsweise über den niedrigen glykämischen Index von Kokosblütenzucker oder den hohen Proteingehalt von Hülsenfrüchten auf. Durch das Lesen der Kapitel wird dem Leser bewusst, wie vielfältig die vegane Küche sein kann und wieviel gesunde Nahrungsmittel sie enthält.

Besonders lobenswert ist, dass die Autorin Lebensmittelallergien oder -unverträglichkeiten berücksichtigt und bei vielen Rezepten mögliche Alternativen anbietet. Ihr Werk ist vor allem kein Soja-überlastetes veganes Kochbuch, wie ich es bei vielen anderen Autor*innen leider feststellen musste (allen, die kein Soja essen, ist daher dieses Buch sehr zu empfehlen!).
Jedes Rezept beginnt mit einer kurzen Einleitung zur Entstehungsgeschichte und/oder mit einer – oft spaßigen –Anekdote. Die meisten Rezepte sind einfach, viele enthalten sogar weniger als zehn Zutaten und nur einige Arbeitsschritte. Ausgefallene Zutaten sind eher selten, fast alle sind im Supermarkt zu finden.
Gemäß den vorgestellten Rezepten scheint es, als hätte die Autorin ein besonderes Faible für die mexikanische und asiatische Küche. Es finden sich aber auch viele europäische, insbesondere italienisch inspirierte Speisen.

Schließlich sind auch die im Buch enthaltenen Abbildungen sehr gelungen und machen wirklich Lust auf eine pflanzlichere Ernährung. Alles in allem ein sehr schönes Werk, das einem viel Freude schenkt!


Und du, was liest du gerade? Ich freue mich sehr auf eure Kommentare 😊

Luise

Veröffentlicht von

Luise Haynau ist Kulturwissenschaftlerin, liebt Sprachen und Literatur und interessiert sich zunehmend für das Thema Frauengesundheit und Frau-Sein allgemein. Wenn Luise nicht liest, dann bäckt sie, kocht oder faltet Origami! Dabei hört sie sehr gerne die Musik von Amy Macdonald.

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