Artikel
0 Kommentare

Demonstrationen damals und heute

Unsere Mitarbeiterin Nina demonstriert seit einer Weile leidenschaftlich und oft. Angestoßen wurde das durch die Fridays for Future Bewegung. Nina hatte auch vorher schon das Bewusstsein, dass wir etwas tun müssen und engagierte sich im privaten Rahmen. Jetzt, wo es mit Fridays for Future endlich wieder eine starke öffentliche Bewegung gibt, hat sie sich ihr direkt angeschlossen. Ganz aktuell wird zum  20. September weltweit zu Klimastreik und Demonstrationen aufgerufen. In diesem Rahmen fragte mich Nina, ob ich über meine Zeit der vielen Demos und aktiver politischer Arbeit schreiben wolle. Die Antwort ist: Ja!

Bis zu meinem 17. Lebensjahr war ich im eigentlichen Sinne nicht politisch aktiv, sondern lediglich in der evangelischen Jugendarbeit. Mein Gerechtigkeitssinn war schon immer ausgeprägt. Als ich begriff, wie ausgrenzend die damaligen Kirchenvorstände unserer Gemeinde waren, stoppte ich mit 15 die Jugendarbeit und war in der Gemeinde die erste, die aus der Kirche austrat. 

Mit 17 ging ich zur Fachoberschule Sozialwesen und machte ein mehrmonatiges Praktikum bei Terre des Hommes. In der Schule wie bei Terre des Hommes begegnete ich vielen kritischen und politisch aktiven Menschen: ein neues Leben begann. In der Schule wurde unsere Klasse nach einiger Zeit von den anderen Schüler*innen getrennt, damit sie mit ihrer „Aufsässigkeit“ niemanden ansteckten – ich war Teil dieser Gruppe 🙂

Demonstrationen damals – von Petra

Nun suchte ich aktiv nach Alternativen zu den bestehenden Verhältnissen: ich war aktiv im >KBW , später bei den >Sponties. Beim Studium in Düsseldorf motivierte mich das Umfeld in der Uni, später dann die Frauenbewegung der 70er Jahre. In dieser Zeit folgte eine Demo der nächsten. Gegen Atomkraftwerke, gegen den >Paragraphen 218, für menschliche Haftbedingungen politischer Häftlinge, für bessere Hochschulrahmenbedingungen und für Frauenrechte.
Dies fand statt zu einer Zeit, in der viele kritische Geister an Veränderung glaubten und bereit waren, viel dafür zu tun. Immer noch bestimmten die alten Herren die Politik, obwohl die Bewegung der 60er aufgezeigt hatte, dass dass es wesentlich lebendiger und freier zugehen kann. Die kritischen Menschen der 70er Jahre führten das fort, forderten vehement und waren nicht bestechlich.

Es wurde viel erreicht

Bei den Demos war die gleiche starke Ausrichtung wie jetzt bei den FFF-Demos spürbar. Es war ernst, es war klar, dass wir nicht so eingeschränkt und beschränkt leben wollten und konnten. Ich finde, es wurde viel erreicht und vor allem hat auch die Frauenbewegung große Fortschritte erzielt. Vielen Menschen kommen diese Errungenschaften heute so selbstverständlich vor, dass ihnen nicht bewusst ist, dass diese erst seit kurzer Zeit existieren. Es ist noch nicht lange her, da mussten verheiratete Frauen ihre Männer um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten wollten, sie hatten als Ehefrauen eingeschränkte finanzielle Möglichkeiten und sogar Vergewaltigung in der Ehe steht erst seit 1997 unter Strafe. Anderes beschäftigt uns auch heute noch, wie der vollkommen veraltete Paragraf 218.

Und dann?

Wie kam es dazu, dass die nächsten Generationen brav, still und anscheinend zufrieden mit dem Status Quo waren? Ich vermute, es muss weh tun, damit man sich in Bewegung setzt oder zumindest muss es arg unbequem werden. Vielleicht führte ausgerechnet die Freiheit, die wir und Generationen vor uns erkämpft hatten, zu einer Haltung im Sinne von: Es ist doch gut, es gibt nichts zu tun.
Die Grünen bekamen (politische) Macht und etliche aus dem kritischen Lager dachten, es wäre mit ihnen etwas zu bewirken. Dieser Gedanke war sicher auch einer der Gründe, die zum Sofaismus führten.
Ich hatte bald erkannt, dass die Grünen sich innerhalb der bestehenden Gegebenheiten einrichteten. (Ein paar Mitglieder der Grünen blieben ihren Idealen treu, doch sie konnten allein nichts ausrichten.) Ich hatte das Gefühl es entwickelte sich eine Zeit der Weichspülungen. 

Klimademo in Vancouver 2016 – Quelle

Das neue Aufwachen

Erst jetzt, wo der Planet offensichtlich extrem leidet (was von Wissenschaftler*innen schon vor 30 Jahren glasklar vorausgesagt wurde), gibt es wieder ein Aufwachen, ein Aufstehen und eine Ernsthaftigkeit, die Greta Thunberg so gut symbolisiert.
Schon länger sage ich, dass die Generation meines Enkels (er ist 14) wach und revolutionär werden muss, sonst wird es schlimmer, als wir uns jemals vorstellen konnten. FFF gibt mir etwas Hoffnung. Es wird sich zeigen, ob sich diese Bewegung korrumpieren oder benutzen lässt.


Nun der zweite Teil – Demonstrationen heute, ein Leitfaden für Demos für Menschen, die zum ersten Mal auf die Straße gehen und laut werden!

Demonstrationen heute – von Nina

Als ich zu meiner ersten Fridays For Future Demo ging, hatte ich niemanden gefunden, der mitkam. Alleine auf eine Demo? War gar kein Problem! Gerade weil ich alleine unterwegs war, habe ich immer interessante Gespräche geführt und neue Menschen kennengelernt. Wer also niemanden findest, der mit einem gehen will: Einfach trotzdem gehen! Aber natürlich ist es auch schön, gemeinsam mit bekannten Menschen zu laufen. Wer in Freiburg oder Osnabrück wohnt, kann sich auch gerne uns anschließen. Dazu am Ende des Artikels mehr. Denn jetzt geht es erstmal um die vielen Sachen, die ich im Laufe der letzten Demos als hilfreich empfand!

Vorbereitungen für Demos

In Freiburg starten viele FFF-Demos um 10 Uhr und fangen damit (je nach Anfahrtsweg) recht früh am Tag an. Das bedeutet, dass ich die Vorbereitung auf den Abend vorher lege. Vor allem, wenn ich ein Schild malen will. Bisher hatte ich immer schon alles zuhause, was ich dafür brauche. Das Plakat selbst schneide ich aus Kartons zu. Und als Stock habe ich einen dünnen Holzstock gewählt, der seit Jahren unbenutzt in einer Ecke stand. Ich habe aber schon sehr kreative Stöcke gesehen. Manche nutzen Äste, andere Besenstiele.  Wichtig ist, darauf zu achten, dass der Stab oder /Stock nicht zu schwer ist und man ihn gut über einen langen Zeitraum halten kann. Bei anderen habe ich gesehen, dass große Plakate besonders bei Wind schwer zu tragen sind. 
Transparente aus Stoff werden immer von mindestens zwei Menschen getragen und brauchen noch ein bisschen mehr Geduld in der Herstellung als Plakate. Sinnvoll ist es auch, genug Zeit für die Bastelaktion einzuplanen. Ich hätte wirklich nicht gedacht, wie lange es dauern kann, so ein Plakat zu gestalten und habe nun noch mehr Respekt gegenüber der Kreativität, die sich bei den Demos zeigt!
Manchmal werden vor Demos auch Veranstaltungen auf Facebook eingestellt, wo gemeinsam Schilder gestaltet werden und auch Material zur Verfügung gestellt wird. Das Plakat kann sogar plastikfrei am Stab befestigt werden. Ich benutze dafür Klebeband aus Papier.
Immer wieder habe ich gesehen, dass Plakate mit Plastik überzogen werden – das macht sie aber schwer zu entsorgen und ist eigentlich nicht notwendig. Tatsächlich empfand ich die sich langsam im Regen auflösenden Pappschilder auf einer regnerischen Demo auch eine Art Statement!

Nina Hanefeld

Es gibt kein schlechtes Wetter…

nur schlechte Kleidung! Wer schlauer als ich ist, guckt am Tag vor der Demo in den Wetterbericht und plant die Kleidung entsprechend.  Hilfreich finde ich den “Zwiebellook”, mit dem man einfach Sachen aus- und wieder anziehen kann. Mein “Demo-Look” wird vervollständigt durch bequeme, geschlossene Schuhe.
Mittlerweile nehme ich unabhängig vom Wetter immer einen Regenschirm mit, weil er nicht nur bei Regen sondern auch bei starker Sonne als Sonnenschutz genutzt werden kann. Und: Er ist die ideale Möglichkeit, um mit anderen ins Gespräch zu kommen! Ich habe meinen Regenschirm mehrmals anderen als Regen- und Sonnenschutz angeboten und habe so sehr nette Frauen kennengelernt.

Ich packe meinen Rucksack und nehme mit:

Falls die Sonne scheint, kann es sinnvoll sein, fettfreie Sonnencreme mitzunehmen. Mir wurde schon oft von Menschen um mich herum Creme angeboten und ich selbst habe auch meistens eine dabei. Weil ich schwarze Haare habe, die sehr schnell heiß werden, trage ich bei sonnigen Demos immer einen Sonnenhut. Bei anderen habe ich gesehen, dass sie Tücher zum Schutz nutzen. 
Viele der Jugendlichen, die ich auf den Demos gesehen habe, sind nur mit Plakat und ohne Rucksack gelaufen. Und während das definitiv frei und bequem aussieht, finde ich meinen Rucksack doch sehr praktisch, um eine kleine “Ausrüstung” dabei zu haben.
Immer mit dabei ist eine Wasserflasche.  Ein Schluck für zwischendurch hilft nicht nur bei Durst, sondern auch gegen den trockenen Hals, wenn man sich viel an den Sprechchören beteiligt. Weil das viele Rufen nach einiger Zeit ein bisschen im Hals kratzen kann, habe ich mir angewöhnt, auch Hustenbonbons mitzunehmen. (Die teile ich auch gerne mit Menschen um mich herum und werden sehr dankbar genommen.)
In meiner Tasche sind auch mit dabei: Ein paar Pflaster, etwas Geld, ein paar Nüsse oder ein Müsliriegel.

Was rufen die denn da?

Wenn ein Spruch, den ich noch nicht kenne, von hunderten Menschen um mich herum gerufen wird, finde ich den Text gar nicht so einfach zu verstehen. Anderen scheint es ähnlich zu gehen und ich habe schon öfter mitbekommen, dass einfach nachgefragt wird, was der genaue Wortlaut ist. Aber wer mag, kann auch vorher im Internet nach den üblichsten Sprüchen gucken. Ich habe >diese Sammlung aus Österreich gefunden, aber sicher gibt es noch mehr Übersichten.
Die meisten Sprüche finde ich einfach zu merken und gut zu rufen – und besonders bei den Liedern singe ich gerne mit.

Und wenn was passiert? 

Auf jeder Demo laufen Sanitäter*innen mit – meistens ganz vorne. Wer Hilfe braucht, sollte nicht zögern, um Hilfe zu bitten. Gerade auf Demos sind die meisten Menschen sehr hilfsbereit. Am Rand des Demozuges laufen immer auch Helfende mit, die an den entsprechenden Westen erkannt werden können. Wird keine andere Person gefunden, die hilft, kann man sich auch an die Polizei wenden, die den Zug begleitet und mindestens bei jeder Wegkreuzung zu finden ist.

Hinterlassen die FFF-Demos Müll?

Immer wieder kommt es zu Vorwürfen an die Demonstrierenden, dass sie Müll hinterlassen würden. Bei den mittlerweile vielzähligen Demos, auf denen ich war, ist mir dieses Problem nie begegnet – trotzdem hatte sich nach einiger Zeit eine Gruppe von Menschen gefunden, die ganz hinten am Demozug lief und Müll einsammelte. Ich vermute, sie haben deutlich mehr Müll von Nicht-Demonstrierenden eingesammelt als von Demonstrierenden.
Ich habe tatsächlich schon mitbekommen, dass Plakate aus dem Mülleimer herausgenommen wurden, um Fotos von “herumliegenden” Plakaten zu machen, damit man sich über die Jugendlichen beschweren konnte.
Wer das mitgebrachte Plakat nicht mit nach Hause nehmen will, könnte also darauf achten, dass es klein gefaltet, tief in den Mülleimer gedrückt wird.

Fridays For Future Demos sind friedlich…

…aber auch die Stuttgart 21-Proteste im Jahr 2010 waren friedlich und doch wurden von der Polizei Tränengas und Wasserwerfer eingesetzt. Ich hoffe, dass es auf keiner FFF-Demo je dazu kommt, doch hier ein paar Informationen für den Fall der Fälle, die ich gut zu wissen fand.
Falls Wasserwerfer eingesetzt werden, haben die Augen die größte Verletzungsgefahr und sollten (wenn irgendwie möglich) geschützt werden.  Auch beim Einsatz von Pfefferspray oder Tränengas sollten die Schleimhäute und die Augen geschützt werden. 
Wer sich auf diese Eventualität vorbereiten will, kann zuhause ein Tuch mit verdünntem Essig nass machen und in einer verschließbaren Plastiktüte mitnehmen. Kommt dann Tränengas oder Pfefferspray zum Einsatz, kann das Tuch über Mund, Nase und Augen gehalten werden. Die Säure wird die Schleimhäute schützen und die Chemikalien neutralisieren. Sollten Augen schon damit in Kontakt mit den Substanzen gekommen sein, ist es hilfreich, diese mit Kuhmilch auszuwaschen. Dafür könnte man eine kleine Flasche mitnehmen.
Auf dieser Seite kannst du dich über deine Rechte während Demonstrationen informieren: >Klick

Bringt demonstrieren überhaupt was?

Eine meiner Schülerinnen fragte vor einiger Zeit, ob ich glaube, dass Demonstrationen etwas ändern. Damals antwortete ich ihr mit “nein”. Ich ging zu den Demos, weil es mehr war, als in meinem kleinen, privaten Rahmen etwas zu tun. Doch wirklich heilsam fand ich den Kontakt mit vielen gleichgesinnten Menschen, wo ich sonst oft das Gefühl habe, dass Umweltschutz wenig Interesse hervorruft. Heute würde ich die Frage anders beantworten. Wie oft ich mittlerweile staunend in öffentlichen Verkehrsmitteln saß und Gespräche zur Umwelt mitgehört habe, kann ich gar nicht mehr zählen. Menschen aller Gruppierungen und jeden Alters unterhalten sich über etwas, das noch letztes Jahr nur von wenigen besprochen wurde. Und in der Mehrheit sind diese Gespräche positiv. Die gesamte Entwicklung seit letztem Jahr gibt mir eine Hoffnung, die ich seit der Schulzeit nie gespürt habe. Seit der 8. Klasse, als ich das erste Mal im Unterricht vom Glashauseffekt hörte, habe ich Angst vor dem Klimawandel gehabt. Ich tröstete mich damals damit, dass ich zu dem von mir errechneten Zeitpunkt des Wandels schon um die 30 oder 40 wäre und dann sicherlich gut damit umgehen könnte. Das hat sich nicht bewahrheitet. Aber stattdessen erlebe ich nun, dass auf der ganzen Welt Menschen für das Klima einstehen und verlangen, dass Politiker*innen und andere Machthabende ihrer Verantwortung nachkommen und endlich verantwortlich mit unserer endlichen Erde umgehen.

Warum ist der 20. September besonders?

Es ist das erste Mal, dass Fridays For Future alle Menschen aufruft, mit ihnen gemeinsam aufzustehen, auf die Straße zu gehen und für den Fortbestand unserer Welt zu demonstrieren. Es ist ein weltweiter Streik für unsere Zukunft, dem sich in Deutschland zum Beispiel auch die großen Gewerkschaften und sowieso alle Umweltbündnisse angeschlossen haben. Ganz sicher gibt es auch bei dir in der Nähe eine Demo und falls es deine erste sein sollte, hoffe ich, dass dir dieser Beitrag geholfen hat, den Mut zu finden, zur Demo zu gehen.
Ich wünsche dir von Herzen eine positive Erfahrung.
Ich selbst werde in Freiburg mit dabei sein – falls du Lust hast, zusammen zu laufen, kannst du mich gerne anschreiben: nina.hanefeld@kulmine.de
Die meisten der Kulmine-Mitarbeiter*innen werden aber in Osnabrück mitlaufen. Wenn du dort mitlaufen willst, melde dich gerne unter info@kulmine.de

Petra Sood

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.