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Ich arbeite auf einer kinderonkologischen Station

Vorwort von Petra Sood, Geschäftsführerin bei Kulmine: Diese fabelhafte Frau kenne ich schon lange! Seit fast 20 Jahren darf ich durch ihre Erzählungen erfahren, wie sie arbeitet, voller Hingabe, mit Verständnis und Mitgefühl, aber ohne mitzuleiden. Es ist definitiv Berufung. So stark sie lieben kann, so kann sie schimpfen und sich empören und nicht nur das, sie kämpft für die Kinder und Jugendlichen, wo es nur möglich ist. Und auch dabei achtet sie auf ihre Grenzen.
In diesem Artikel schimpft sie. Als ich mitbekam wie es den schwerkranken, manchmal bald sterbenden Kindern und Jugendlichen unter Coronaregeln im KH geht und wie empörend sie als Fachfrau es findet, bat ich sie darüber zu schreiben. Ich hoffe, dass ihre Empörung manche betroffenen Eltern und Jugendliche etwas trösten kann und sie sich vielleicht erlauben, nicht nur traurig, sondern auch höchst empört zu sein. Wir möchten sie mit diesem Beitrag bestärken und ermutigen, kinderfreundliche Regelungen einzufordern!

“Petra hat mich gefragt, ob ich aufschreiben will, was ich an meinem Arbeitsplatz momentan erlebe. Ja, ich will!

Tagtäglich erlebe ich die Auswirkungen der Maßnahmen, die zum Schutz der Patient:innen vor COVID-19 getroffen worden sind. Die Kinder dürfen ihre Krankenzimmer nicht mehr verlassen, wenn es nicht notwendig ist. Keine Dreiräder, Bobbycars oder Puppenkinderwägen rollen mehr über den Flur. Kein Ausflug zur Küche wird gemacht, kein Ball rollt einem zwischen die Füße und verführt zum Lächeln oder Sprechen mit dem dazugehörigen Kind. Das schöne Spielzimmer darf nicht mehr aufgesucht werden, die Erzieher:innen kommen in die Krankenzimmer, soweit sie das leisten können. Das Jugendzimmer für die Größeren ist verwaist. Kein Austausch unter den erkrankten Kindern und Jugendlichen, kein Augen-Blick, kein Kontakt zu den anderen haarlosen, abgemagerten Gestalten, kein geteiltes Leid. Wenn er oder sie Glück hat, ist eine Doppelbelegung des Zimmers notwendig und es gibt wenigstens da die Möglichkeit zum zwischenmenschlichen Kontakt.

Am schwierigsten mitanzusehen für mich: das allgemeine und das eingeschränkte Besuchsverbot. Dramatisch! Ich kann es kaum aufschreiben, Worte dafür setzen. Ich bin so stinkewütend, so sauer, könnte schreiend über die Station laufen, mein Innerstes wölbt sich nach außen. 13 bis 14.30 Uhr – Ja, tatsächlich. In Ausnahmefällen kann über die Uhrzeit verhandelt werden. Es dürfen nur die Eltern kommen. Das ist ebenfalls katastrophal. Was ist mit liebenden, stützenden Personen, die NICHT die Eltern sind?

Welche Auswirkungen das auf die Kinder hat, kann jeder sich leicht ausmalen. Es schreit zum Himmel. Wo doch bekannt ist wie stark die Gesundheit von der emotionalen und psychischen Befindlichkeit abhängig ist. Ich merke, ich könnte jetzt immer weiter schreiben, so fließen meine Gefühle, meine Empörung. Für euch wollte ich es aufschreiben und für mich ist es auf einmal ungeheuer hilfreich und erleichternd.

Puh!
Danke, Petra.“

2 Kommentare

  1. Avatar

    Es bestürzt mich, diese Zeilen zu lesen und ich halte es dennoch für so notwendig, dass wir von diesen Missständen hören. Was gäbe es für Möglichkeiten? Die Kinder auf der Station werden wohl als Risikogruppe im Bezug auf Covid19 eingestuft werden- wird seitens des medizinischen Personals/ unter euch passendere Maßnahmen gesehen?
    Danke für deine Arbeit!

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  2. Petra Sood

    Liebe Iris!

    Unsere Autorin hat mich gebeten, ihre Antwort hier zu veröffentlichen.
    “Danke für deine Nachfrage und für deine Gedanken.
    Es ist, wie du geschrieben hast, die Kinder sind Hochrisikopatienten. Natürlich müssen sie geschützt werden. Einheitliche Maßnahmen kann ich nicht nennen.
    Die Situation verlangt nach flexibleren Regelungen, die dem Einzelfall eher gerecht werden. Familien eines krebskranken Kindes gefährden dieses sicher nicht mutwillig. Diese Familien sind meist eher übervorsichtig.
    Grundsätzlich denke ich, dass ein allgemeines Besuchsverbot in Krankenhäusern inakzeptabel ist. Es sollte vielmehr eine Einzelfallentscheidung durch den behandelnden Oberarzt getroffen werden. Risiko und Nutzen für den Einzelnen könnten dann abgewogen werden.
    Der Aufschwung durch einen Besuch ersetzt manchmal ein Schmerzmittel oder gibt neuen Lebensmut.
    Das betrifft doch jeden kranken Menschen.”

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