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In Bewegung kommen

Seit Jahren versuche ich in Bewegung zu kommen. 2014 habe ich es sogar zu meinem Motto gemacht – und das mit einigen kleinen Erfolgen.
Mein Ziel war: Ich will zu einer Bushaltestelle rennen können, ohne das Gefühl zu haben, dass ich danach sterben muss. Am Ende war es eine Begegnung wegen etwas ganz anderem, welche mir ermöglichte, dieses Ziel zu erreichen.

Der Heilpraktiker bei dem ich wegen eines seit Jahren schmerzenden Fußes in Behandlung war, schlug mir die Teilnahme an einem Kurs vor, den er das erste Mal umsetzte. Es war ein ganz besonderes Bewegungsangebot für mich. Aber erstmal zeigte bei mir alles auf Alarm – das klang nämlich ziemlich genau wie Sportunterricht an der Schule. 

Und Sportunterricht war eine der Gründe, warum ich überhaupt keine Lust auf Bewegung hatte. Zu sehr hatte ich mich entblößt gefühlt, zu sehr hatte sich die Angst vor spöttischen Bemerkungen in mir eingegraben, bis ich im Sportunterricht alles tat, außer mich zu bewegen. Lieber hörte ich eine blöde Bemerkung für mein Herumschleichen statt rennen – denn das wählte ich immerhin selbst.

Aber wie lange wollte ich diese Angst noch in mir herum tragen? Und wie lange wollte ich erstarrt bleiben? Angefangen hatte ich sowieso schon längst – mit einfacher aber tief wirksamer Bewegung mit Petra und Henk und mit großen Schritten hin zum freien Tanzen in der sicheren Umgebung der Seminare.Warum also nicht einfach diese vielleicht einmalige Chance ergreifen und zu dem Kurs des Heilpraktikers gehen?

Es stellte sich heraus, dass es die beste Idee von 2014 war – nach der ersten Stunde, in der ich hoch skeptisch aus der Umkleidekabine kam (die auch noch genauso aussah und roch wie alle Schulumkleiden, in denen ich je gewesen war), erlebte ich meinen Körper mit all seinen Muskelgruppen ganz neu. Über die nächsten Wochen staunte ich, wie meine Fähigkeiten mit jeder Woche mehr wurden.Und dann endete der Kurs.
Und damit alle Motivation weiter zu machen. Natürlich habe ich weiter Bewegung in den Seminaren gehabt – aber irgendwie steckte ich mal wieder fest.

Bis vor einiger Zeit die Ausrichtung der Seminare noch einfacher und direkter wurde, noch mehr Grundlagen vermittelt wurden. Und dann ging es mit diesen Übungen ganz einfach jede Nacht vor dem Schlafen gehen eine kleine Übungsrunde zu machen. Ein guter Anfang für… mehr Bewegung!

Und zwar im Sommer – als ich das Schwimmen für mich entdeckte und man mich mit einem Mal jeden Abend 20 Minuten zügig Richtung Badesee wandern sah. Und das nachdem ich morgens schon die gleiche Strecke zum Wachwerden gelaufen war und um an einem schönen Ort Tai Chi Übungen machen zu können!

Am Anfang begleitete mich Angst, dass ich plötzlich keine Kraft mehr haben könnte. Ich bin deswegen immer nur am Rand entlang geschwommen. Aber nachdem ich meine Runden nach und nach erweiterte, bemerkte ich – ich vertraue meinem Körper, mich direkt über den See zu bringen. Ich habe die Kraft und die Fähigkeit in mir und all die alte Angst lasse ich am Ufer zurück. Die Angst wollte nicht am Ufer zurück bleiben. Sie schwamm mit mir – und das über den ganzen See. Wir haben uns ein bisschen unterhalten.
Was wenn ich einen Krampf bekomme?
Was wenn plötzlich ein Ungeheuer von unten meine Füße verschlingen will?
Was wenn meine Arme plötzlich müde werden?
Oder noch schlimmer: Was wenn eine Wespe im Wasser schwimmt?

Als ich am anderen Ufer angekommen war, war die Angst still und ich stolz.

Jetzt* wird es langsam Herbst und ich weiß nicht, wie oft ich noch im See baden kann, aber das was mein Körper über den Sommer geschafft hat und die tiefe Freude und Lust am Bewegen, die ich entdeckt habe – und das Vertrauen, dass ich meinem Körper nun entgegen bringe, dass ich ihn herausfordern und an Grenzen bringen darf und dass mir das gut tut – das nehme ich mit in den Herbst.
Und bin gespannt, was als nächstes an Bewegung auf mich zu kommt!

*Der Text entstand im Sommer 2016


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